Riskante Reise
Wer selbst beim Theatertreffen jahrelang mitjuriert hat, kennt das Haut-die-Jury-Spiel vom eigenen Buckel. Im Grunde ist es müßig: Denn immer haben sich die Juroren bei ihren verwickelten Entscheidungsprozessen etwas gedacht.
Aber manchmal fragt man sich doch: was eigentlich? Warum haben sie sich unter den drei «Orestien» der Saison (Berlin, Leipzig, Frankfurt) gerade für die Berliner Version entschieden? Für Michael Thalheimer, den gu-ten alten Bekannten des Theatertreffens, von dem man schon weit Überzeugenderes gesehen hat? Ich jedenfalls hätte mich für die Frankfurter «Orestie», für Karin Neuhäuser und ihre Schauspieler stark gemacht.
Thalheimer hat wieder alles auf eine Karte gesetzt. In eindreiviertel Stunden zelebriert er den Rausch von Rache und Vergeltung, die blutige Barbarei der Vorzeit. Am Ende steht «der» Mensch in seiner Einsamkeit: Orestes, von den Göttern verlassen, aus der Geschichte gefallen. Teil III der Trilogie ist gestrichen, die Geburt der Demokratie und des Rechtsstaats findet nicht statt. Die Regie inszeniert ein archaisches Faszinosum und eine existentialistische Behauptung – die politische Dimension entfällt.
So leicht hat es sich Karin Neuhäuser nicht ...
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