Richards Liebeskonzil
In der Hölle liegt das wahre Paradies; auf Erden und im Himmel herrscht eine verdruckst spießige Erotik: Hans Neuenfels schändet Richard Wagners «Tannhäuser». Aber ganz leichthin, von oben herab, fast mit einem Achselzucken nimmt er die Trümmer der Grand Opéra, des Erzromantischen und der hehren Ideale auf die leichte Schulter.
Doch zunächst stiftet der Regisseur ein Memento und mahnt, für die Träume seiner Jugend Achtung zu tragen. Für ein Vorspiel auf der Leinwand lässt Neuenfels Maximen und Reflexionen aus dem Schatzkästlein seiner Lebensweisheit projizieren.
Weißt Du, wie das wird – oder war, ließe sich mit den «Ring»-Nornen raunen. Als man noch Winzling und Möglichkeitsmensch war, noch Visionen besaß, bis die wilden Jahre im tristen Ehestand zahm wurden, Sublimierungstheorie zur gängigen Praxis wird – und der hochfliegende Ikarus abstürzt.
Während dieses Prologs durchleuchtet im Graben des Aalto Theaters Stefan Soltesz die Ouvertüre sublim und dezent, so wie der Intendant und GMD, sein Orchester und das Ensemble überhaupt Essens Musiktheater zur mit Abstand ersten Adresse in Nordrhein-Westfalen gemacht haben.
Wenn sich der Vorhang hebt, liegt der Venusberg wie zum pompe funèbre ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Vier Schauspieler auf dem Besetzungszettel für mindestens fünf verschiedene Versionen eines gewissen «Abulkasem» deuten schon an, dass in Jonas Hassen Khemiris erstem Stück nicht einfach einer nur ein anderer sein kann. Tatsächlich ist jeder mindestens vier oder fünf andere, was im Theater nichts weiter Besonderes ist. Dass der schlaksige Dreißigjährige, der gerade...
Jeder erfüllt nur seinen Zweck. Von der Allmacht eines Regimes erzählt Mark Ravenhills neues Stück, und von der Ohnmacht des Einzelnen dem System gegenüber. Vom Totalitarismus also und von der Banalität des Bösen: Nichts umwerfend Neues, gewiss, andere haben es in (meist kurzlebigen) anderen Dramen auch schon getan. Dennoch muss es wohl immer wieder verhandelt...
Es ist eine Nachkriegswelt, in der David Bösch seine «Woyzeck»-Fassung spielen lässt. Vielleicht hat sogar eine atomare oder biokriegerische Apokalypse stattgefunden. Die Mad-Max-artigen Kostüme der Figuren und die mutantenhafte Blässe legen das nahe. Sie hausen in einer Art unterirdischem Bunker. Manchmal macht die Großmutter (Jutta Wachowiak) zaghafte Versuche,...
