Revolte, Revolte
Traurige Ironie der Pandemiegeschichte: Weil man die Inszenierung im Juli nicht vor den damals zugelassenen 200 Zuschauern herausbringen wollte, gab es vor den Sommerferien nur zwei Voraufführungen. Jetzt durfte die nachgeholte Premiere von «Dantons Tod» in der Regie von Sebastian Baumgarten im Schauspielhaus des Münchner Residenztheaters Anfang November nur noch vor 50 Zuschauern stattfinden, drei Tage vor dem erneuten Lockdown.
Im Parkett fühlt man sich daher wie auf der Fotoprobe, ein Kameramann hat sich in der zweiten Reihe postiert, dahinter schütter verteilt eine Handvoll Besucher.
Immerhin ergibt das Rot der unbesetzten Sitze einen schönen Kontrast mit der schlingpflanzengrünen Projektion auf der Bühne und dem blau gemalten «Nachthimmel» von Fred Thieler über dem Zuschauerraum. Dazu pfeift und fiept es anfangs wie im tiefsten Dschungel (Sounddesign: Christoph Clöser), als wäre die Natur längst dabei, die aufgegebene Kulturstätte zurückzuerobern. Optisch wuchert dicker Efeu über eine Plattenbaufassade mit leeren Fensterhöhlen knapp hinter dem Portal, auf der noch blass der Schriftzug «Banque Nationale» zu erkennen ist.
In Baumgartens historisch-reflektierender ...
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Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Silvia Stammen
Zwei Stunden sitzt die Schauspielerin Pauline Kästner fest; wie ein Häuflein Elend auf einem Sandhaufen in der Mitte der Bühne des Nürnberger Staatstheaters. Ihr Aktionsradius ist denkbar klein, Regisseur Andreas Kriegenburg hält sie an der kurzen Leine: Dieser Antigone gibt er keinerlei Chance einzugreifen. Sie mag sich winden, mag im Sand wühlen, Spuren suchen...
«und wenn die politik / durchs gesetz behindert wird / wenn fortschritt wenn / dem hausverstand durchs gesetz / die hände gebunden»?, sinniert Kreon einmal. «Hausverstand» ist laut Duden die österreichische Version des «gesunden Menschenverstands». Ob Haus- oder gesund, in jedem Fall ist dieser spezielle, meist eher eingeschränkte «Verstand» das zentrale Argument...
Der Ärger ist groß, die Einsicht noch größer. Wer sich umhört unter den Leiter*innen von Stadttheatern und Produktionshäusern, vernimmt schweres Zähneknirschen über den unerwarteten zweiten Lockdown der Bühnen. Viele fühlen ihre Häuser ungerecht behandelt. Schließlich habe man funktionierende Hygienekonzepte vor und hinter der Bühne erarbeitet, die peinlichst...
