Repräsentationskritik: Fische, Früchte und freie Liebe
Nauru, einst Teil des Deutschen Reiches, ist eine verlorene Insel in der Südsee: 10.000 Einwohner, 1200 Meilen ist die nächste Siedlung entfernt, 30 Minuten dauert eine Inselumrundung, ein einziges Flugzeug fliegt Nauru an. Durch einen aberwitzigen geografischen Zufall lagerte sich hier vor vier Millionen Jahren Vogelkot zum kostbaren Düngemittel Phosphor ab – ein «Shit Island» im wahrsten Sinne des Wortes. Das führte zu kurzem Segen und endlosem Fluch der vermeintlichen Paradiesbewohner.
Die kleine Insel wurde zum kolonialen Spielball von Deutschland, Frankreich und Australien, vom kurzzeitig reichsten Land der Welt zur verwüsteten und verarmten Mondlandschaft von heute.
Ausgegraben und sorgfältig nachrecherchiert hat die kurios-tragische Geschichte das freie Theaterkollektiv Futur3 und bringt sie im Kölner Orangerie-Theater auf die Bühne, als Parabel des entfesselten Kapitalismus. Abbildungen realer Inselbewohner und Landschaften werden dabei konsequent vermieden, denn der Abend ist auch eine Untersuchung darüber, wie seit Jahrhunderten falsche, ferngesteuerte Bilder über das Fremde entworfen werden.
Zunächst setzt sich der Zuschauer also zu einer Art Live-Hörspiel im Halbdunkel ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2018
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Dorothea Marcus
Von Zögling Törless über Hanni und Nanni bis zu Harry Potter – literarisch bis popkulturell reich aufgeladen ist die Institution Internat seit jeher mit Jugendabenteuern und Missbrauchs-Vorstellungen. Internate sind Kaderschmieden und Netzwerkstätten verhaltensgestörter Rich Kids, noble Edelsportstätten, paramilitärische Abrichtungsanstalten – aber vor allem gelten...
Der Mensch zählt ja offiziell zu den erdgeschichtlichen Katastrophen, seit 2016 das Anthropozän ausgerufen wurde. Wobei «Katastrophe» schon viel zu anthropozentrisch gedacht ist. Der Erde dürfte es wurscht sein, ob sie sich durch Meteoriteneinschläge, Eiszeiten oder eine Schicht aus Plastik, radioaktive Strahlung und Abgase so einschneidend verändert, dass es für...
Der Start von Wilfried Minks’ Theaterlaufbahn lag im sprichwörtlichen Kleinstrollendorado, in Wurzen (Sachsen). Dort wurde der 1930 im 200-Seelen-Dorf Binai in Tschechien geborene und nach dem Krieg mit seiner Familie vertriebene Bauernsohn mit 17 Jahren «Stift», also Lehrling des Theatermalers am örtlichen Boulevardtheater: ein Saal mit 350 Plätzen und Premieren...
