Reine Glaubenssache

Claudia Bauer inszeniert am Schauspiel Leipzig «Der Meister und Margarita» nach Bulgakow

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«Was ist Wahrheit?», fragte der römische Statthalter Pontius Pilatus den Delinquenten Jesus und blieb nicht, dessen Antwort abzu­warten, sondern ging ab und wusch seine Hände in Unschuld. Modernen Wahrheitstheoretikern gilt Pilatus mit dieser Aktion als Visionär.

Denn wer wollte wohl die Antwort kennen? Wo doch Wahrheit im Sozialen wie im Naturwissenschaftlichen heute als komplexer, wiewohl nicht unverbindlicher Konstruktionsvorgang angesehen wird? Als offener Verhandlungsgegenstand, nicht als absolut gegebene Größe? So hat es sich über die Jahrhunderte als philoso­phische Binse herausgeschält. Es sei denn natürlich, man wäre Jesus und verfügte über ein Offenbarungswissen. Aber Jesus’ Antwort wurde ja nicht gehört.

Die Pilatus-Szene hat Michail Bulgakow in den Auftakt seines 1928 bis 1940 verfassten, doch erst ab 1966 postum veröffentlichten Opus magnum «Der Meister und Margarita» gestellt. Er platzierte sie in eine Zeit, in der die sowjetischen Autoritäten ihre historisch-materialistische Wahrheit selbst ins quasi Religiöse überhöhten (Lenin: «Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist.»). Und ganz folgerichtig erscheint Jesus bei Bulgakow nicht als er­weckungs­trunkener ...

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Theater heute Mai 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Christian Rakow

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