Reine Glaubenssache
«Was ist Wahrheit?», fragte der römische Statthalter Pontius Pilatus den Delinquenten Jesus und blieb nicht, dessen Antwort abzuwarten, sondern ging ab und wusch seine Hände in Unschuld. Modernen Wahrheitstheoretikern gilt Pilatus mit dieser Aktion als Visionär.
Denn wer wollte wohl die Antwort kennen? Wo doch Wahrheit im Sozialen wie im Naturwissenschaftlichen heute als komplexer, wiewohl nicht unverbindlicher Konstruktionsvorgang angesehen wird? Als offener Verhandlungsgegenstand, nicht als absolut gegebene Größe? So hat es sich über die Jahrhunderte als philosophische Binse herausgeschält. Es sei denn natürlich, man wäre Jesus und verfügte über ein Offenbarungswissen. Aber Jesus’ Antwort wurde ja nicht gehört.
Die Pilatus-Szene hat Michail Bulgakow in den Auftakt seines 1928 bis 1940 verfassten, doch erst ab 1966 postum veröffentlichten Opus magnum «Der Meister und Margarita» gestellt. Er platzierte sie in eine Zeit, in der die sowjetischen Autoritäten ihre historisch-materialistische Wahrheit selbst ins quasi Religiöse überhöhten (Lenin: «Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist.»). Und ganz folgerichtig erscheint Jesus bei Bulgakow nicht als erweckungstrunkener ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Christian Rakow
Noch schien Brasilien verschont zu bleiben vom Virus, die Zahl der offiziell registrierten Infizierten war gering. Aber der unberechenbare Präsident kam gerade zurück vom Besuch bei Donald Trump, und zur Entourage gehörte auch Kommunikationschef Fabio Wajngarten – der war positiv getestet, und also ging auch Jair Bolsonaro in die Klinik. Die finalen Ergebnisse...
Peter Holtz verfügt über eine seltene (Un-)Fähigkeit. Und zwar eine, die besonders in diktatorischen Systemen von unschätzbarem Vorteil ist: Er zeigt sich komplett immun gegen die hohle Parteiprosa, mit der die Nomenklatura ihre fragwürdige Ordnung zu legitimieren pflegt. Diesem höchst außergewöhnlichen Kind der DDR fehlt nämlich schlicht das Gen zur...
Die Zeit ist aus den Fugen. Wir hätten nie gedacht, dass unsere Städte und Länder den Shutdown erleben, dass Theater schließen, Opern nicht mehr spielen, Tänzer nicht mehr tanzen; jedenfalls nicht mehr öffentlich auf der Bühne, sondern bestenfalls im Streaming.
Menschenleben stehen «zur Disposition», wenn nicht mehr allen gleichermaßen geholfen werden kann. Wie...
