Reflexion statt Reflexe

Polizist sein ist in São Paulo eine zwiespältige Angelegenheit. Die Argentinierin Lola Arias und der Schweizer Stefan Kaegi laden zur dokumentarischen Kunst-Schau mit brasilianischen Polizisten: «CHÁCARA PARAÍSO» in São Paulo. Ein Report mit anschließendem Realitätscheck in der Favela.

Theater heute - Logo

Wenn du Probleme hast, ruf nicht die Polizei, ruf lieber die Räuber, heißt es in einem Samba von Chico Buarque. Damit wäre das Imageproblem der brasilianischen Polizei ziemlich klar umrissen. Würde man jeden der zehneinhalb Millionen Bewohner São Paulos nach seinen persönlichen Kollisionen mit der Staatsgewalt fragen, bekäme man wahrscheinlich an die dreißig Millionen Anekdoten zu hören. Satte Bestechungsgelder für läppische Verkehrssünden gelten noch als die lustigsten.

Und auch die Tatsache, dass man – falls man ausgeraubt wird und die Polizei das Diebesgut wider Erwarten zu beschlagnahmen schafft – Unsummen investieren muss, um es zurückzubekommen, wird hier relativ sportlich behandelt.

Härter werden die Geschichten, wenn die Sprache auf die Militärdiktatur kommt. Die argentinische Schriftstellerin und Theatermacherin Lola Arias, die zusammen mit Stefan Kaegi vom Regiekollektiv Rimini Protokoll auf Einladung des Goethe-Instituts in Sao Paulo eine dokumentarische Inszenierung mit brasilianischen Polizisten erarbeitet hat, ist als Kind in Buenos Aires regelmäßig vor der Polizei weggerannt. Sie hat Freunde, deren Väter von der Militärdiktatur verschleppt wurden. Brasilien lebte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2007
Rubrik: Ausland Brasilien, Seite 34
von Christine Wahl

Vergriffen
Weitere Beiträge
Große Männer unter sich

Die Schlacht beginnt mit offenem Visier: Walter Schmidinger tritt hinter einen Notenständer und liest Schillers klappernden Prolog. Jedwedes Rhythmusproblem wird mit Nichtachtung gestraft, der Text demonstrativ melodisch gesungen. Der alte Mime legt schmelzendes Timbre unter jeden Vers, schwingt ausholend die schon zitternde Hand und geht nach zehn süßlichen...

Kunst und Handel

Helmut Krausser ist ein Vielschreiber mit Furor und einer oft übersehenen sentimentalen Ader. In «Afrika» schildert er die Kunstszene als das kapitalistische Prinzip schlechthin: Künstler sind hier die Anschaffer, die Welt macht sie käuflich, und alle, fast alle, machen mit.

Im Mittelpunkt steht die zynische Lucy, Mitte 50, im Begriff, ihre Galerie an einem neuen...

Wimmelbild am Amazonas

Zum Showdown kommt es vor dem allerletzten Akt. Die geladenen Gäste aus Alemanha sind da längst wieder in der Heimat gelandet, und sie haben dem theatralischen Ausflug in die allertiefste, allerheißeste Fremde ziemlich viel Echo verschafft. Erst jetzt, im zweiten Anlauf wenige Tage nach der auch schon leidlich umstrittenen Premiere von Christoph Schlingensiefs...