Reflexion statt Reflexe
Wenn du Probleme hast, ruf nicht die Polizei, ruf lieber die Räuber, heißt es in einem Samba von Chico Buarque. Damit wäre das Imageproblem der brasilianischen Polizei ziemlich klar umrissen. Würde man jeden der zehneinhalb Millionen Bewohner São Paulos nach seinen persönlichen Kollisionen mit der Staatsgewalt fragen, bekäme man wahrscheinlich an die dreißig Millionen Anekdoten zu hören. Satte Bestechungsgelder für läppische Verkehrssünden gelten noch als die lustigsten.
Und auch die Tatsache, dass man – falls man ausgeraubt wird und die Polizei das Diebesgut wider Erwarten zu beschlagnahmen schafft – Unsummen investieren muss, um es zurückzubekommen, wird hier relativ sportlich behandelt.
Härter werden die Geschichten, wenn die Sprache auf die Militärdiktatur kommt. Die argentinische Schriftstellerin und Theatermacherin Lola Arias, die zusammen mit Stefan Kaegi vom Regiekollektiv Rimini Protokoll auf Einladung des Goethe-Instituts in Sao Paulo eine dokumentarische Inszenierung mit brasilianischen Polizisten erarbeitet hat, ist als Kind in Buenos Aires regelmäßig vor der Polizei weggerannt. Sie hat Freunde, deren Väter von der Militärdiktatur verschleppt wurden. Brasilien lebte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Schlacht beginnt mit offenem Visier: Walter Schmidinger tritt hinter einen Notenständer und liest Schillers klappernden Prolog. Jedwedes Rhythmusproblem wird mit Nichtachtung gestraft, der Text demonstrativ melodisch gesungen. Der alte Mime legt schmelzendes Timbre unter jeden Vers, schwingt ausholend die schon zitternde Hand und geht nach zehn süßlichen...
Helmut Krausser ist ein Vielschreiber mit Furor und einer oft übersehenen sentimentalen Ader. In «Afrika» schildert er die Kunstszene als das kapitalistische Prinzip schlechthin: Künstler sind hier die Anschaffer, die Welt macht sie käuflich, und alle, fast alle, machen mit.
Im Mittelpunkt steht die zynische Lucy, Mitte 50, im Begriff, ihre Galerie an einem neuen...
Zum Showdown kommt es vor dem allerletzten Akt. Die geladenen Gäste aus Alemanha sind da längst wieder in der Heimat gelandet, und sie haben dem theatralischen Ausflug in die allertiefste, allerheißeste Fremde ziemlich viel Echo verschafft. Erst jetzt, im zweiten Anlauf wenige Tage nach der auch schon leidlich umstrittenen Premiere von Christoph Schlingensiefs...
