Die Another Day
Was hätte aus dieser Cordelia, König Lears jüngster Tochter, nicht alles werden können! Aus einem seilhüpfenden, blonden Mädchen in Weiß, das mit einem hübschen Unschuldslächeln um eine Krone herumturnt, die wie ein Spielzeug in der Mitte der Riesenbühne des Wiener Burgtheaters ganz goldig daliegt – wie die Krone eines Märchenprinzen, von dem alle Mädchen wie sie träumen.
Aus diesem Fräulein Unschuld (Adine Vetter) wäre vielleicht, wenn im Hüpfseil nicht schon der Strick auf seine Chance gewartet hätte und hinter dem Krönchen der Abgrund der Macht, am Ende eine Prinzessin der Herzen geworden.
Aber dann nimmt der Schrecken der Wirklichkeit Gestalt an: Der Vater kommt, der König, der alte Lear, achtzig und drüber. Die zusammengerollte Landkarte seines Reichs benützt er wie einen Gehstock, und man sieht schon: «Der kann’s nicht lassen.» Wenn er sein Zepter abgegeben und sein Reich an seine Töchter verteilt hat, wird er einfach mit dem Stock weiterregieren, als Familien-tyrann.
In Luc Bondys Inszenierung, einer Koproduktion des Burgtheaters mit den Wiener Festwochen, spielt den alten König der amtierende König der Schauspieler: Gert Voss. Er hat alle Maskeraden abgelegt und ist jetzt der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Medea als Migrantin gab es in dieser Saison schon des öfteren zu sehen. Aber wohl nie so deutlich wie jetzt in Stuttgart. Da schließt Volker Lösch in bewährter Chor-Aktualisierungs-Manier ein Restgerippe von Euripides’ Dramentext mit den Lebensberichten von 16 Stuttgarterinnen aus türkischen Familien kurz. Der Anlass laut Programmheft: Stuttgart ist nach Frankfurt...
Willkommen im Land der Kälte. Eisblaue Styroporklötze stapeln sich in geordneter Unordnung bis an den begrenzten Horizont der Bühne des Weimarer Nationaltheaters. Aus der Wüste ragt ein überlanger Drehstuhl empor, der entfernt an den Schiedsrichtersitz eines Center Courts erinnert. Rechts daneben glaubt man, eine Bar zu erkennen. Der Iglu des Grauens, in dem sich...
Hübsch ist es und mit seiner pseudobarocken Fassade eine jener Schatullen, in der man Andenken aufbewahrt, um gelegentlich mit der Vergangenheit zu spielen. Dass es in diesem Gebäude um Theater gehen soll, glaubt man im ersten Moment nicht, und letzten Herbst war kurzzeitig auch tatsächlich Ruhe im Karton. Die damals amtierende Oberbürgermeisterin musste das...
