Die Another Day
Was hätte aus dieser Cordelia, König Lears jüngster Tochter, nicht alles werden können! Aus einem seilhüpfenden, blonden Mädchen in Weiß, das mit einem hübschen Unschuldslächeln um eine Krone herumturnt, die wie ein Spielzeug in der Mitte der Riesenbühne des Wiener Burgtheaters ganz goldig daliegt – wie die Krone eines Märchenprinzen, von dem alle Mädchen wie sie träumen.
Aus diesem Fräulein Unschuld (Adine Vetter) wäre vielleicht, wenn im Hüpfseil nicht schon der Strick auf seine Chance gewartet hätte und hinter dem Krönchen der Abgrund der Macht, am Ende eine Prinzessin der Herzen geworden.
Aber dann nimmt der Schrecken der Wirklichkeit Gestalt an: Der Vater kommt, der König, der alte Lear, achtzig und drüber. Die zusammengerollte Landkarte seines Reichs benützt er wie einen Gehstock, und man sieht schon: «Der kann’s nicht lassen.» Wenn er sein Zepter abgegeben und sein Reich an seine Töchter verteilt hat, wird er einfach mit dem Stock weiterregieren, als Familien-tyrann.
In Luc Bondys Inszenierung, einer Koproduktion des Burgtheaters mit den Wiener Festwochen, spielt den alten König der amtierende König der Schauspieler: Gert Voss. Er hat alle Maskeraden abgelegt und ist jetzt der ...
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