Rammsteindämmerung
Nach den Vorwürfen gegen Till Lindemann, den Sänger der Band Rammstein, wird niemand auf die Idee kommen, die nun mindestens des Machtmissbrauchs gegenüber jungen Frauen verdächtige Praxis des Rockstars sei ein gutes Zeichen, um es musi -kalisch auf die Bühne zu holen. Vorerst kein Rammstein mehr als akustisches Kokain aus den Theaterlautsprechern.
Denn die Musik wird das Mal nicht so schnell los – das schwer rollende R in Lindemanns gusseisernem Deutsch, die donnernden Akkorde des ewig gleichen Heavy Metal, die übersteigerte Männlichkeit sind nun mit den belastenden Aussagen vieler Frauen verbunden.
Die musikalischen Zeichen haben bislang Ambivalenz für sich beansprucht. Hoppla, wir sind offen für verschiedene Deutungen, vielleicht ist Till Lindemann eine männlichkeitskritische Autorenstimme, die sich über feuerspuckende Schwänze und sedierte Sexobjekte lustig macht? Oder vielleicht nicht. Wenn etwas vorbei ist, dann mit dieser Scheinoffenheit zu kokettieren, wie es sonst nur noch rechte Bands vor dem Staatsanwalt tun. Was kann noch weg? Gleich das «System», wie manche Kommentare es wollen und wahlweise Rockmusik, ältere Männer oder beides meinen? Wohl kaum. Das «System», das sich tatsächlich verändert, ist die Darstellende Kunst. Und das betrifft die Livemusik genauso wie das Theater.
Hart & kritisch vs. weich & vernetzend
Um diese Plattenverschiebung auch in der Theatertektonik besser zu sehen, genügt ein kurzer Blick in die neunziger Jahre. Die wichtigsten Positionen im Theater der Nachwendezeit kamen nicht aus der Siegernation BRD, sondern aus der DDR und aus der Schweiz. Mit etwas Abstand kann man ihre Ästhetik als Widerstand zum Jubelnarrativ der blühenden Landschaften begreifen. Christoph Marthaler setzte der Fortschrittserzählung den Stillstand entgegen, Frank Castorf und Einar Schleef versuchten, die Gewalt in den Körpern und in der Sprache sichtbar zu halten.
Nackte Oberkörper bei Einar Schleef, harte Kerle und aus Prinzip hochhackige Frauen bei Castorf, tönende Nazikarikaturen für psychotische Momente bei David Lynch, der 1997 «Rrrammstein, ein Mensch brrrennt» in «Lost Highway» verwendete: Die Provokation mit Drastik, Pornoästhetik und Gewalt zieht sich durch die Neunziger hindurch und wollte nicht nur im Theater als Kritik an den Konsumoberflächen des nun konkurrenzlosen Kapitalismus verstanden werden. Aus dieser Zeit kommt die Ostberliner Band Rammstein. Sie hat diese Zeit bis heute nie verlassen. Was man auch daran sieht, dass Keyboarder Flake Lorenz gerne den Top-Ostalgiker gibt, der sich auch 30 Jahre nach dem Mauerfall über Westdeutsche in seiner Heimat Prenzlauer Berg aufregt.
Seit ein paar Jahren wirken die provokativen Ästhetiken von Castorf wie Rammstein für viele schlagartig veraltet. Die Übereinkunft, dass eine kritische Haltung nur mit drastischen Formen, mit manche verletzender Überzeichnung und mit forschen Gesten der Abweisung authentisch sei, ist einem weicheren Paradigma gewichen. Auch im kapitalistisch gemütlicheren Subventionstheater finden Regisseur:innen viel Zuspruch, die nicht die Konfrontation suchen, sondern eher die Kommunion, wie es die Kirche einst sagte, oder die Vernetzung, wie die Digitalisierung es nennt.
Im Gorki Theater in Berlin zum Beispiel stößt die betont weiche Regisseurin Leonie Böhm auf viel Liebe, während die klassisch kruden Arbeiten des Ko-Intendanten Oliver Frljic einigen auf die Nerven gehen. Man kann mit der Unterscheidung hart & kritisch versus weich & vernetzend die Theaterlage sortieren und im Töpfchen von Team Weich wird inzwischen wohl das größere Häuflein liegen. Im Popmarkt ist die Lage noch klarer entschieden. Nicht nur weibliche Stars wie Lorde oder Billie Eilish kommunizieren fürsorglich mit dem Publikum und würden am liebsten alle knuddeln. Auch ehemalige Lords der Zurückweisung wie der 65-jährige Nick Cave sind zur Kommunion konvertiert, lassen sich vom Publikum tragen, geben das Mikrofon aus der Hand und suchen live ständig jene Nähe, die soziale Medien zwischen Star und Fan so sehr intensiviert haben. Till Lindemann und Rammstein sind derweil noch immer der Ästhetik der Maske, der überzeichneten Figurenrede, der Distanz verpflichtet. Nähe passt da nicht mit rein. Außer es handelt sich bei der Nähe, so die Vorwürfe, um körperlichen Besitz. Im Theater hat man Rammstein-T-Shirts eher bei der Technik gesehen als an den zarteren Publikumskörpern. Hinter der Bühne bedeutet das alles eh etwas anderes. Ein Techniker hat mir neulich gesagt: «Ich versteh schon, was du meinst mit Sexismus. Aber die Mucke auf dem Kopfhörer beim Pumpen, das ist einfach geil!» Vielleicht ändert sich also auch nur die Playlist von Theatermusik für kernige Regisseure zu Gewichtheben am Nachmittag. Letzteres finde ich dann doch das kleinere Übel.
Tobi Müller schreibt frei über Pop, Theater und Digitalisierung
Theater heute August-September 2023
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Tobi Müller
Phädra hat sich an einem rot gefärbten Sandkasten niedergelassen. Erschöpft vom Dasein, aber ihre Waffen sind noch nicht gestreckt. «Ich bin es leid, werde ich ihm sagen, ich bin es so leid», sind ihre ersten Worte. Doch wie Constanze Beckers Phädra sie ausspricht, klingt nichts jammervoll daran. Mit ruhigem Duktus, dazu hohe Stirn und festen Blick, stemmt sie sich gegen ihr Los, als Frau...
Was ist das für ein Geschöpf, das da im von Trockeneis umnebelten Lichtkegel in einer Art Taufbecken steht? Bis zum Scheitel nackt und haarlos, mit geometrischen Mustern im Gesicht, rituelle Gesten vollführend, die Füße im knöcheltiefen Wasser? Ein hoher Priester, ein Alien oder doch der unglückliche Königssohn Sigismund, dem schon vor seiner Geburt eine Zukunft als Tyrann prophezeit...
Am besten hat die Exilerfahrung wohl die aus Uganda geflohene Aktivistin und Lyrikerin Stella Nyanzi auf den Punkt gebracht, in einem ihrer mitreißenden, in Deutschland entstandenen Gedichte: «Exil, das ist ein Ort zum Atmen: ah und uh.» Ein leicht befreiendes Ah und ein leicht schmerzliches Uh. Gemischtes Gefühl also. Im Exil verliebt sich ihre Tochter in bayerische Dirndl-Trachten, und...
