Projekte von politischer Bedeutung
So ein freundliches Presse-Interview dürfte Sarah Wedl-Wilson so bald nicht mehr erleben. Im Feuilleton der Hamburger «ZEIT» (26. Februar 2026) lässt sie sich als Nachfolgerin des gescheiterten Berliner Kultursenators Joe Chialo dafür feiern, dass sie es geschafft habe, das 160-Millionen-Sparziel für die Bühnen der Hauptstadt auf 105 Millionen zu reduzieren. Besonderes Lob träufelt sie dabei auf das Berliner Ensemble und die Schaubühne, beides Privattheater-GmbHs, und deren «hohe Effizienz».
Die gelte es für landeseigene Betriebe wie Deutsches Theater oder Gorki Theater ebenfalls zu heben: «Wie können wir beispielsweise die Bedingungen des BE auf andere Häuser übertragen?»
Ideen hat die Senatorin durchaus: «Die Schaubühne macht acht neue Produktionen pro Saison, das Deutsche Theater bislang 30. Ist das nötig, frage ich mich?» Die offene rhetorische Frage lässt allerdings unerwähnt, dass das eine ein Semi-Stagione-Betrieb, das andere ein Repertoire-Theater ist und dass es möglicherweise auch einen Unterschied macht, auf lange Erfolgsserien mit bekannten Klassiker-Titeln zu setzen oder auf höheres künstlerisches Risiko. Oder dass Thomas Ostermeier seit 26 Jahren künstlerischer Leiter mit entsprechendem Repertoire-Rückhalt ist und Iris Laufenberg erst im dritten Jahr ihrer Intendanz. Demnächst steht an der Schaubühne Thomas Ostermeiers Inszenierung von Molières «Der Geizige» mit Lars Eidinger auf dem Programm. Noch Fragen?
Eine zweite Antwort gibt sich Sarah Wedl-Wilson selbst, wie bei den landeseigenen Theatern Geld zu sparen wäre: «Da fehlen die Governance-Strukturen, die ziehen wir jetzt ein. Warum arbeiten die Bühnen nicht besser zusammen? Wie können wir mehr Eigenwirtschaftlichkeit reinholen? (…) Es fehlen in diesen Betrieben die Steuerungsinstanzen wie in Stiftungen oder in öffent -lichen GmbHs.»
Damit zündet die Senatorin allerdings eine mächtige Nebelkerze, von der sich «DIE ZEIT» auch gerne umwedeln lässt. Denn die Theater, die angeblich eine bessere Governance, sprich Führung, brauchen, um wirtschaftlicher zu arbeiten, sind sogenannte landeseigene Betriebe. Sie unterstehen der Berliner Landeshaushaltsordnung, also der Aufsicht der Verwaltung, in diesem Fall der Kulturverwaltung. Falls es dabei an irgendeiner «Governance» fehlen sollte, dann fehlt diese Aufsicht eben genau in der Verwaltung, der Sarah Wedl-Wilson vorsteht. Also bei ihr höchstselbst als der politisch Verantwortlichen.
Die Berliner Fördermittelaffäre
Mit der Berliner Landeshaushaltsordnung macht die Senatorin ohnehin gerade unangenehme Erfahrungen. Zum Beispiel in der Fördermittelaffäre, zu der gerade ein Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses tagt. Dabei geht es um einen 10 Millionen Euro großen Topf für «Projekte gegen Antisemitismus und zur Förderung des interreligiösen Dialogs», aus dem Joe Chialo einst 3,4 Millionen für «Projekte von besonderer politischer Bedeutung» reserviert hatte. Einige davon stehen im dringenden politischen Bedeutungsverdacht, eine große Nähe zur mitregierenden CDU auf -zuweisen und nicht gerade durch fachliche Expertise zu glänzen.
Dazu existiert seit 28. Oktober 2025 ein Bericht der Antikorruptionsbeauftragten des Berliner Kultursenats, die im Agieren einzelner CDU-Abgeordneter und der Leitung der Berliner Kulturverwaltung ein «erhebliches Risiko für Korruption und Misswirtschaft» sieht. Konkret geht es um fehlende fachliche Prüfung unter Missachtung zentraler Vor -gaben des Haushalts- und Zuwendungsrechts, um «gravierende Zweifel an der Integrität des Verfahrens», um unzulässige «politische Einflussnahme», «Verstöße gegen das Zuwendungsrecht», um fehlende Transparenz bis zur «Rechtswidrigkeit der Zuwendungsbescheide».
So hatte der CDU-Abgeordnete und haushaltspolitische Sprecher Christian Goiny in einer Chat-Nachricht an Wedl-Wilson vom 27. Mai 25 geschrieben: «Da sitzen krasse Antisemiten in der Verwaltung, die unsere Projekte sabotieren. Das sagen wir schon seit geraumer Zeit! Ich kann Dir die Anträge gerne zusenden. Ich schlage daher vor, die Anträge morgen zu bewilligen.» Am nächsten Tag beschwert sich Goiny, «dass Deine Verwaltung an die Antragsteller Mails versendet mit dem Hinweis, es sei eine Fehlbedarfsfinanzie -rung und deshalb müsste die Fördersumme um 10 % gekürzt werden. Das war nicht verabredet.» Worauf Wedl-Wilson schnelle Bearbeitung verspricht und antwortet: «Ich habe das mit den 10 % besprochen, das ist die LHO-Vorgabe (Landeshaushaltsordnung). Wir können uns aber drüber hinwegsetzen, was wir hiermit tun.» (Quelle: «Der Tagesspiegel», 5. März 2026) Ausnahmen sind tatsächlich möglich, aber nur nach Einzelfall-Prüfung, die offensichtlich unterblieben ist.
Schließlich hat Sarah Wedl-Wilson die Zuwendungsbescheide unterzeichnet, was noch zu persönlicher Haftung und strafrechtlichen Problemen führen kann – Folgen der Governance. Ihr Vorgänger Chialo, der die «Projekte mit besonderer politischer Bedeutung» angestoßen und vorangetrieben hatte, darf von Glück sagen, dass er rechtzeitig zurücktreten musste. Er hat sich in einem Rechtsgutachten inzwischen bestätigen lassen, dass er juristisch keine Verantwortung trage für mögliche Verletzungen des Haushaltsrechts oder Untreue-Tatbestände, weil er nicht mehr unterschrieben habe. Inzwischen ist er auch wieder in den Bundesvorstand der CDU gewählt. Man darf auf seine weiteren Projekte von politischer Bedeutung gespannt sein.
Weder der Bericht der Antikorruptionsbeauftragten noch der Untersuchungsausschuss waren übrigens der «ZEIT» eine Nachfrage wert.
Theater heute April 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Franz Wille
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