Privileg Nachdenken

Drei Schlussfolgerungen aus der Sexismus-Debatte um die Berliner Universität der Künste

Der Shitstorm auf den ersten Social-Media-Auftritt der Dercon-Volksbühne ebbte gerade ab, als der nächste Aufreger in die Theater­ferienruhe platzte: In der Rubrik «Sexismus an Hochschulen» auf dem Blog der Zeitschrift «Merkur» erschien ein Beitrag der Schweizer Dramatikerin Darja Stocker, in dem sie ein von weißen, männlichen, teilweise übergriffigen Dozenten geprägtes Klima während ihres Studiums an der UdK Berlin schildert.

Stocker, Jahrgang 1983, hatte dort ab 2006 bei zwei Professoren Szenisches Schreiben studiert, die – obschon nicht namentlich erwähnt – Kenner der Szene unschwer als den damaligen Leiter des Studiengangs, Jürgen Hofmann, sowie den Dramatiker Oliver Bukowski identifizieren konnten; beide haben den Studiengang in den neunziger Jahren maßgeblich aufgebaut.

Stocker schreibt über mutmaßliche sexuelle Beziehungen der Profs mit Studierenden, übergriffige Unterrichtsmethoden und einen Lehrapparat, der von «personenzentrierter Archaik» statt zeitgemäßer Diversity geprägt sei. Dass sie dabei den einen Professor fälschlicherweise als jemanden charakterisiert, «der nie ein Stück oder Buch veröffentlich hat», beim anderen an der «Choreografie seiner Gesten» abliest, dass er Beziehungen zu Studentinnen unterhält, hat der Glaubwürdigkeit ihres Textes geschadet: War das nicht doch eher persönlich motiviertes Schmutzwäschewaschen statt sachlicher Analyse?

Die prompte Antwort ihrer Ex-Kommilitonin Anne Rabe, die heute als Dozentin an der UdK unterrichtet, verschärfte diesen Eindruck. Der nur acht (bzw. sieben) Studierende starke Jahrgang sei im Grunde gespalten gewesen in solche, die die «Stimmung» diskutieren, und andere, die lieber arbeiten wollten. Stocker habe in einem Brief, der auf die Entlassung der Studiengangsleitung hinwirken wollte, auch für die sprechen wollen, die lieber weitergearbeitet hätten: Gegen diese Form der «Viktimisierung» protestiere sie nach wie vor scharf. Tatsächlich habe Bukowski ihr ermöglicht, trotz Baby ihr Studium fortsetzen zu können – «und dafür musste ich ihn nicht einmal küssen».

Solidarität ist ein Problem

Obwohl auf der Faktenseite Aussage gegen Aussage, Idealismus gegen Pragmatismus stehen, lassen sich aus der Sexismus-Debatte, die sich rund um Stockers Text entspann, Lehren ziehen. Erstens: Praktisch niemand bestreitet, dass die traditionell patriarchalen Strukturen an Hochschulen, Schauspielschulen und Theatern ein Problem sind. Das beginnt beim nach wie vor ungleichen Geschlechterverhältnis in den vorwiegend männlich besetzten Lehrkörpern und Leitungsebenen: Auch nach Hofmann/Bukowski engagierte die UdK, nur zum Beispiel, mit John von Düffel und Paul Brodowksi erneut ein Männergespann, das einer vorwiegend weiblichen Studentenschaft gegenüber steht, die, so eine ehemalige UdK-Dozentin, vor der Arbeit an Theatern «dringend ein Gendercoaching bräuchte». Und es endet bei der in hierar­chischen Institutionen uralten Praxis sexuel­ler Beziehungen und Beziehungsanbahnungs­versuche zwischen «Meistern» und Studierenden, die überaus problematisch werden, wenn direkte Abhängigkeiten bestehen. Fälle, in denen sich sexuellen Offerten entziehenden jungen Frauen aus gekränkter Eitelkeit Promo­tionsstellen, Rollen oder andere Jobs versagt werden, sind nicht zuletzt deshalb so unan­ge­nehm, weil sich der Zusammenhang kaum beweisen lässt.

Zweitens: In einem kompetitiven, individualistischen und dabei auf identitäre Zugehörigkeiten wie Hautfarbe, Geschlecht, Religion pochenden Umfeld ist Solidarität ein Problem – auch unter Frauen in Bezug auf Sexismus. Der Streit zwischen den Pragmatiker*innen im UdK-Seminar, die lieber weiterarbeiten wollen, und Idealist*innen, die erst die Strukturen verändern möchten, ist dafür symptomatisch. Und er setzt sich auf der Meta-Ebene in der Diskussion um political correctness als Privilegiertenpraxis fort: Nach der Brüderle-#aufschrei-Debatte vor drei Jahren kritisierte etwa die Publizistin Ina Hartwig nicht zu Unrecht «moralische Schnellschüsse» und ausufernde Regelwerke, zu denen die «neue Sensibilität» einlade. Und erst kürzlich behauptete der Soziologe Armin Nassehi, dass «mit dem identitätspolitischen Vorrang der Aufmerksamkeit ein politischer Erfahrungsraum verschwindet, in dem über (soziale) Strukturfragen verhandelt werden könnte».

Heißt das nun aber drittens: Klappe halten und abwarten? Immerhin herrscht nicht gerade Aufbruchsstimmung im Feminismus, weltweit bäumen sich die Patriarchen auf. Die These, dass political correctness ein Ausweis der Elite sei und deshalb den Rechtspopulist*innen in die Hände spiele, freut auch all diejenigen, die noch nie Lust hatten, ihr Verhalten zu reflektieren. Mag sein, dass Nachdenken, mitein­ander Streiten, Argumente und ja, auch Erfahrungen Austauschen, ob schriftlich oder mündlich, analog oder digital, Privilegien sind: Preisgeben sollte man sie deshalb noch lange nicht. Um das bestmögliche Zusammenleben und Kunstmachen muss gestritten werden.

 


Theater heute Oktober 2017
Rubrik: Editoral, Seite 1
von Eva Behrendt