Postkoloniales Kannibalenragout
Manch langjähriger Burg-Abonnent soll schmerzlich zusammengezuckt sein, als er ansehen musste, wie der eine oder andere heilig rotsamtene Stuhl im Zuschauerraum von Joachim Meyerhoff sorgsam zerlegt wurde. Aber Robinson Crusoe strandet nicht von Ungefähr im hinteren Zuschauerrund des Wiener Theatertempels und muss sich trotz strengstem Denkmalschutz schließlich ein Notlager zusammenbauen.
Deshalb werden in einer gut 45-minütigen Handwerksübung ausgewählte und besonders präparierte Stücke von Samt, Borten und mancher Holzleiste befreit und mit viel Heimwerker-Lust in ein kleines Kulturbiwak verwandelt.
Wer dahinter nur eine muntere Bastelstunde von drei inszenierungstragenden, ewig jungen Sandkastenfreunden vermutet – neben Meyerhoff noch Ignaz Kirchner als Freytag und Regisseur Jan Bosse –, liegt gründlich falsch. Tatsächlich handelt es sich um ein grundstürzend kulturkritisches Projekt aus kristallklarstem postkolonialem Gewissen. Man muss sich dazu den guten alten Robinson Crusoe als zerstörerischen alteuropäischen Aufklärer denken, der mit blind-mörderischem Hochmut über scheinbar minderwertige Kulturen herfällt, weshalb Meyerhoff in der ersten halben Stunde mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2012
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Franz Wille
Ein sonniger Samstagabend im Juni: Friedlich liegt es da, das Occupy-Camp zu Füßen der Frankfurter Banktürme. Um den Zeltplatz herum: ein «Zaun» aus Plakaten zwischen Wut und Enttäuschung. Dazwischen die Ankündigung eines Kulturwochenendes. An einem Zelt, deutlich kleiner geschrieben, eine Liste: «Wir brauchen: Zelte, Schlafsäcke, veganes Essen.» Zwischen den...
Terry, die Performerin mit den langen, etwas zersaust wirkenden Haaren, setzt ihre Worte in ihrem ganz eigenen Rhythmus, mit Bedacht, ein wenig schleppend: «Eine gute Geschichte braucht einen guten Anfang, Charaktere, Vorbilder, beste Freunde, Feinde, Überraschungen …» Die Aufzählung zieht sich in die Länge. Während Terry spricht, macht sich unter den fünf anderen...
Erst vor Kurzem beschäftigte das Stuttgarter Staatsschauspiel sich en passant mit Albert Camus’ «Die Gerechten» (1949). Im nahe gelegenen Tübingen folgte jetzt mit Jean-Paul Sartres «Die schmutzigen Hände» (1948) das nächste Stück rund um die Frage, ob der politische Mord zur Durchsetzung hehrer Ideale gerechtfertigt sei. In beiden Fällen greift ein mit linken...
