Postkoloniales Kannibalenragout
Manch langjähriger Burg-Abonnent soll schmerzlich zusammengezuckt sein, als er ansehen musste, wie der eine oder andere heilig rotsamtene Stuhl im Zuschauerraum von Joachim Meyerhoff sorgsam zerlegt wurde. Aber Robinson Crusoe strandet nicht von Ungefähr im hinteren Zuschauerrund des Wiener Theatertempels und muss sich trotz strengstem Denkmalschutz schließlich ein Notlager zusammenbauen.
Deshalb werden in einer gut 45-minütigen Handwerksübung ausgewählte und besonders präparierte Stücke von Samt, Borten und mancher Holzleiste befreit und mit viel Heimwerker-Lust in ein kleines Kulturbiwak verwandelt.
Wer dahinter nur eine muntere Bastelstunde von drei inszenierungstragenden, ewig jungen Sandkastenfreunden vermutet – neben Meyerhoff noch Ignaz Kirchner als Freytag und Regisseur Jan Bosse –, liegt gründlich falsch. Tatsächlich handelt es sich um ein grundstürzend kulturkritisches Projekt aus kristallklarstem postkolonialem Gewissen. Man muss sich dazu den guten alten Robinson Crusoe als zerstörerischen alteuropäischen Aufklärer denken, der mit blind-mörderischem Hochmut über scheinbar minderwertige Kulturen herfällt, weshalb Meyerhoff in der ersten halben Stunde mit ...
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Theater heute August/September 2012
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Franz Wille
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