Plakativ kaputt

nach Sibylle Berg «GRM Brainfuck – das sogenannte Musical» im Schauspielhaus Dortmund

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Sibylle Berg zu lesen, wenn man gut drauf ist, in der Hoffnung, dann würde man nicht ganz so depressiv, ist Blödsinn. Am besten funktioniert ein Buch wie «GRM Brainfuck» dann, wenn bereits eine solide Grundverzweiflung vorhanden ist. Dann kann es geradezu hilfreich sein, wie Berg klar und mit illusionslosem Humor Bilanz zieht. Ein Beispiel: «Es war die Zeit, in der zur realen Grausamkeit der Menschen noch die virtuelle hinzugefügt wurde.» In diesem einen Satz ist jedes Erschrecken über Hass im Netz als Denkfaulheit oder Schmierenkomödie entlarvt.

Ähnlich verfährt Berg bekanntlich mit dem Kapi -talismus, mit Familienverhältnissen, mit dem Zustand des Planeten. Dazu kommt in «GRM» noch ein Schreibstil, der die ungeschminkte Härte des Grime zitiert, einer Neuauflage des Rap mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. 

Bergs hyperkapitalistische Überwachungs-Dystopie in Dortmund anzuschauen, ist allerdings überraschend schmerzfrei. «Das sogenannte Musical» rauscht in der Inszenierung von Dennis Duszczak mit großer Spielfreude und bester Laune über die Bühne. Wie tief verletzt durch psychische, physische, sexualisierte Gewalt die Hauptfiguren, die zu schnell erwachsen gewordenen Kinder ...

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Theater heute 12 2022
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Cornelia Fiedler

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