Plakativ kaputt
Sibylle Berg zu lesen, wenn man gut drauf ist, in der Hoffnung, dann würde man nicht ganz so depressiv, ist Blödsinn. Am besten funktioniert ein Buch wie «GRM Brainfuck» dann, wenn bereits eine solide Grundverzweiflung vorhanden ist. Dann kann es geradezu hilfreich sein, wie Berg klar und mit illusionslosem Humor Bilanz zieht. Ein Beispiel: «Es war die Zeit, in der zur realen Grausamkeit der Menschen noch die virtuelle hinzugefügt wurde.» In diesem einen Satz ist jedes Erschrecken über Hass im Netz als Denkfaulheit oder Schmierenkomödie entlarvt.
Ähnlich verfährt Berg bekanntlich mit dem Kapi -talismus, mit Familienverhältnissen, mit dem Zustand des Planeten. Dazu kommt in «GRM» noch ein Schreibstil, der die ungeschminkte Härte des Grime zitiert, einer Neuauflage des Rap mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts.
Bergs hyperkapitalistische Überwachungs-Dystopie in Dortmund anzuschauen, ist allerdings überraschend schmerzfrei. «Das sogenannte Musical» rauscht in der Inszenierung von Dennis Duszczak mit großer Spielfreude und bester Laune über die Bühne. Wie tief verletzt durch psychische, physische, sexualisierte Gewalt die Hauptfiguren, die zu schnell erwachsen gewordenen Kinder ...
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Theater heute 12 2022
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Cornelia Fiedler
Sein allererster Auftritt dauert keine Schreckminute: Als der Berliner Unternehmer Arthur Grünberg (Alexander Scheer) nachts in seinem noch nicht eröffneten Kaufhaus Jonass Geräusche hört, erwischt er nicht die drei jungen Eindringlinge, die den Lärm verursacht haben, sondern seinen einstigen Front-Mechaniker Gerd Helbig, der reichlich verwahrlost mit einer Flasche...
«Die Schwarze Spinne», Jeremias Gotthelfs Gruselklassiker vom Pakt mit dem Teufel, den die schlauen Emmentaler austricksen wollen, worauf er die Seuche übers Land schickt – was lässt sich nicht alles darin finden! Nur schon in den jüngsten Schweizer Inszenierungen: Barbara David-Brüesch machte die Parabel in Luzern zum Xenophobie-Grusical. Tilmann Köhler in Basel...
Bevor es losgeht, muss ich kurz erklären: Normalerweise halten wir uns in unserer Redaktion an die Regel, dass keine älteren männlichen Kritiker über 20 bis 30 Jahre jüngere Schauspielerinnen schreiben. Paternalistisch wäre das ohnehin, da gibt es kein Entkommen, aber auch die Gefahr, in die Untiefen blümeranterer Anbetungsmetaphorik zu stolpern, ist einfach sehr...
