Better Call Paul

Paul Zichner ist der wahrscheinlich erste geoutete Transmann im deutschen Stadttheater – und Spezialist für schwierige, schüchterne Männer

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Sein allererster Auftritt dauert keine Schreckminute: Als der Berliner Unternehmer Arthur Grünberg (Alexander Scheer) nachts in seinem noch nicht eröffneten Kaufhaus Jonass Geräusche hört, erwischt er nicht die drei jungen Eindringlinge, die den Lärm verursacht haben, sondern seinen einstigen Front-Mechaniker Gerd Helbig, der reichlich verwahrlost mit einer Flasche Schnaps auf der Baustelle untergekrochen ist.

Paul Zichner spielt diesen Kriegsveteran mit der verängstigten, hundertprozentigen Präsenz des Ertappten, die Augen vor Scham und Staunen weit aufgerissenen, fassungslos, hier mitten in der Nacht seinem ehemaligen Vorgesetzten gegenüber zu stehen. Kurz darauf stellt Grünberg den scheuen Helbig als Kaufhaus-Detektiv ein, nicht ahnend, dass er sich damit einen bald schon glühenden Nationalsozialisten ins Haus holt. 

Seit September porträtiert die opulente RTL-Serie «Das Haus der Träume» von Sherry Hormann und Umut Dag am Beispiel eines Kreditkaufhauses das Berlin der späten 1920er und frühen 1930er Jahre; zeigt rund um einen locker wegguckbaren Lovestoryplot quer durch alle Schichten kriegsversehrte und -traumatisierte Männer und Frauen, die in einem ersten Emanzipationsschub ...

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Theater heute 12 2022
Rubrik: Akteure, Seite 27
von Eva Behrendt

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