Lebenslügen im Virtuellen

Clemens J. Setz’ «Der Triumph der Waldrebe in Europa», uraufgeführt am Schauspiel Stuttgart

Theater heute - Logo

Wer wären wir denn, wir Postmodernistinnen und -modernisten, uns von schnöden Realitäten in die Knie zwingen zu lassen? Zumal von solchen, die sich frech als ultimativ aufspielen? David, der Sohn von Renate und Konrad Herzer, hatte vor drei Jahren einen tödlichen Autounfall; er war damals acht. «Aber die Eltern» – um die Sachlage mit der YouTuberin «Angel Wing Sophie» auf den Punkt zu bringen – «gaben nicht auf.» Der Tod ist schließlich auch nur ein Konstrukt. Oder, wie Renate selbst es ausdrückt: «Mein Sohn gehört nicht der Erde, er gehört uns.

» Also lässt das Ehepaar Herzer sein Kind einfach weiterleben in Clemens J. Setz’ neuem Stück «Der Triumph der Waldrebe in Europa». Und zwar als wandelndes – konkret: rollendes – Tablet. Phänotypisch präsentiert sich der Junge seit seinem Ableben als handelsüblicher Flachrechner mit installiertem Kameraauge, der «inmitten einer kleinen altar -artigen Vorrichtung» in einem Rollstuhl umhergeschoben wird. 

Noch unproblematischer gestaltet sich die Sache mit Davids mentaler Fortexistenz. Sie liegt vollumfänglich in den Händen von Mutter Renate, und zwar buchstäblich: Wann immer ihr eine Interaktion des Sohnes mit dem sozialen Umfeld angebracht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 12 2022
Rubrik: Das Stück, Seite 44
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Böse Bachblüten

Meditieren unter erschwerten Umständen. Dr. Gundula Schwarz hat eine Praxis für ganzheitliche Allgemeinmedizin im, wie sie sagt, «schönen Hietzing», einem Villenvorort von Wien. Schnell erklärt sie noch die Räumlichkeiten (Wandfarbe: rosa), dann geht das Seminar im «Zentrum für spirituelle Weiterentwicklung» für wohlfeile 170 Euro auch schon los. Blöd nur, dass in...

Maßlose Wirklichkeit

Werner Herzog, Film- und mit einigem Erfolg auch Opernregisseur, ist im Hauptberuf inzwischen Ikone. Der Hang zum Überlebensgroßen zeichnet sein Werk fast von Anbeginn aus: Das Schiff, das er in «Fitzcarraldo» über den Berg ziehen ließ, die Kämpfe mit Klaus Kinski, die Reisen ans Ende der Welt im beweglichen Wechsel zwischen dokumentarischen und fiktionalen Formen,...

Katastrophen von innen

Ihr erstes Theaterstück hat die 28-jährige Amanda Lasker-Berlin mit 18 geschrieben, und ihr Kunststudium an der Bauhaus-Universität in Weimar hat sie ab -gebrochen, um stattdessen in Ludwigsburg Theaterregie zu inskribieren. Trotzdem hat Lasker-Berlin als Autorin bisher eher mit Prosa reüssiert. Während ihr bei den Autorentheatertagen in Berlin 2021 uraufgeführtes...