Nüchterner Naturalismus

Fabienne Lehmann «Totreif» (U) am Theater Luzern

Theater heute - Logo

Totreife ist ein Begriff aus der Landwirtschaft. Er bezeichnet Getreide, das so erntereif ist, dass die Körner sich von selbst lösen und die Halme absterben. Dass sich so auch die Familiengeschichten aus ihren verschlossenen Kapseln lösen mögen, hofft wohl Matilda. Sie ist siebzehn, auf dem Land aufgewachsen mit Vater Celio und – zumindest in seinen Erzählungen immer präsent – dessen Freund Michael. Auf Michaels Hof wuchs Celio auf, in einer großen Wahlfamilie, zu der in der Saison auch Fahrende gehörten.

Es ist kein Gotthelf- und Albert-Anker-Bild von der ländlichen Schweiz, das Fabienne Lehmann entwirft. Sie war in der vergangenen Saison Hausautorin in Luzern, im Rahmen des Förderprogramms Stück Labor, an dem das Luzerner Theater neu teilnimmt. Kein Schweizerland der schön glasierten Keramiktöpfe und der üppigen Berner Platten. Sondern eins, in dem die Bäuerinnen sich den Rat weitergeben, ja nicht melken zu lernen – denn so muss der Mann spätestens um 17 Uhr aus dem Wirtshaus heimkehren und in den Stall.

Gleichwohl ist es eine vergangene Welt, aus der Fabienne Lehmann berichtet, eine Welt aus Kindertagen und elterlichen Erzählungen. Heute, auch das beschönigt Lehmann nicht, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2025
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Andreas Klaeui

Weitere Beiträge
Walhalla brennt

Arbeitet euch nicht an Wagner ab», schreibt Caren Jeß in ihrem Stück «Die Walküren», «arbeitet euch an eurer Rezeption ab.» Okay, wird gemacht. Ein besonders interessantes Beispiel für die Irrwege der Richard-Wagner-Rezeption ist die «Gruppe Wagner», ein privates Militär- und Sicherheitsunternehmen, das 2014 von den russischen Unternehmern Jewgeni Prigoschin und...

Popkultureller Stillstand

Hinten ein üppig gedeckter Tisch mit Kerzenleuchtern und Sektgläsern, vorne tanzen die drei Schwestern mit den Offizieren zu «Moskau» von Dschingis Khan. Als deutscher Schlager klingt Irinas ewiges Mantra «Nach Moskau» so vertraut wie fremd. Für die jüngste der drei Töchter des kürzlich verstorbenen Brigadegenerals ist Moskau gleichwohl ein Sehnsuchtsort – für...

Das große Stimmengewirr

Kein Grund zum Optimismus für Anhänger der Französischen Revolution: Frank Castorfs Dresdner Sieben-Stunden-Marathon «Dantons Tod» beginnt gleich mit ihrem endgültigen Scheitern, dem Bericht von Napoleons Machtübernahme. Die Szene ist ein gemütliches Pariser Café-Restaurant, das «Ancien Procope», laut Eigenwerbung das älteste durchgehend geöffnete Kaffeehaus der...