Serious Games
«Es war einmal ein Mädchen, das schuf sich seine eigene Welt hinter der Welt»: Markolf Naujoks’ Stück «Every Heart is Built Around a Memory» beginnt wie ein Märchen, wie die opulente Erzählung einer Realitätsflucht, und ist ein Abtauchen ins Digitale. Dort, wo man Kaiserin sein und über Wellen gehen kann, wo next levels und Laserschwerter regieren, ist das real life angenehm fern. Und Naujoks’ Stück beginnt auch mit dem Selbstmord eines Mädchens. Marie heißt sie, war Spiele-Entwicklerin und depressiv.
Ihre beiden Schwestern, Nina und Carla, suchen sie in dem von ihr entwickelten immersiven Computerspiel, das ebenfalls «Every Heart is Built Around a Memory» heißt. Verschiedene Aufgaben gilt es dort zu erfüllen, zahlreiche Erinnerungen zu rekonstruieren. Eine Questtyger muss besiegt, ein Geier ausgetrickst werden. Und doch, so wird sich später rausstellen, sind Nina und Carla letztlich nur virtuelle Stellvertreter.
Der Theatertext – 2019 für den Jugendpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert – ist ein Stück über Depression und Suizid, über das Spielen und Gamen und damit nicht über den Unterhaltungsaspekt oder das Suchtpotenzial von Videospielen, sondern über die darin ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 6 2022
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Katrin Ullmann
Im Herbst 2005 hielt sein Orgien-Mysterien-Theater Einzug in Öster -reichs höchster Weihestätte für dramatische Kunst: im Burgtheater. Viele Stunden lang wurde – auf penibel abgedeckten Bühnen, Wegen und Sitzen – unter Aufsicht des Meisters prozessiert, Geschlachtetes aufgebahrt und an Kreuzen aufgerichtet, in Bottichen vol -ler Gedärme gewühlt und mit Blut...
Beim Heidelberger Stückemarkt kann es passieren, dass ein Autor zum ersten Mal sein Werk gesprochen hört. Philipp Gärtner ist es so ergangen, und als er nach der 40-minütigen Lesung aus seinem Drama «Olm» zum Nachgespräch auf die Bühne kam, sagte er: «Ich glaube, ich bin da hart an der Grenze der Verständlichkeit, vielleicht sollte ich noch mal ausmisten …?»...
Will ein Theater heute Stücke zum Thema Krieg auf den Spielplan setzen, bieten sich zwei Dramen ganz besonders an. Einerseits die antike Tragödie «Die Troerinnen», in der Euripides nicht die siegreichen Helden des Trojanischen Kriegs, sondern die Frauen der Besiegten sprechen lässt. Andererseits, aus der jüngeren Vergangenheit, «Reich des Todes», in dem Rainald...
