Nie wieder – für alle
«Zehn Jahre», erklärte Jury-Mitglied Annemie Vanackere in ihrer Begrüßung zu Beginn der Verleihung des Theaterpreises Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung an Lina Majdalanie und Rabih Mroué, «haben Rabih und Lina in Deutschland gelebt, bevor sie ihre Einbürgerung beantragen konnten, weitere drei Jahre haben sie auf die Entscheidung über ihren Antrag warten müssen. Seit 2013 leben sie in Berlin, 2022 haben sie die Einbürgerung beantragt, im Januar 2026 wurde diese endlich – mit ordentlicher Hilfe ihres Anwalts – bewilligt.
Nach ent-sprechenden Klageandrohungen ihres Anwalts gegen die Berliner Ausländerbehörde.» Am Ende der Preisverleihung, nach der Laudatio von Bernd Scherer, Grußworten von Sandra Noeth, Matthias Lilienthal und künstlerischen Beiträgen von Ariane Jeßulat, Henrik Kairies und Antonia Baehr, bedanken sich Majdalanie und Mroué mit bewegenden Worten, die wir hier dokumentieren:
Unser herzlicher Dank gilt all unseren Freunden und Kollegen in Beirut und im Libanon, in Berlin, in ganz Deutschland und Europa sowie auf der ganzen Welt – Künstlern, Kuratoren, Produzenten und Technikern –, die uns über die Jahre hinweg unterstützt und begleitet und uns ihr Vertrauen geschenkt haben. Dieser Preis, der uns so sehr am Herzen liegt, verdankt ihnen viel und gehört ihnen ebenso sehr wie uns. Ich kann sie nicht alle namentlich nennen, aber sie sind alle in unseren Gedanken und in unseren Herzen. Danke, liebe Freunde.
Es ist uns eine Ehre, den Theaterpreis Berlin 2026 zu erhalten. Diese Auszeichnung hat für uns eine tiefe persönliche Bedeutung, da sie kurz nach unserer Einbürgerung im Januar 2026 erfolgt. Seit über 25 Jahren präsentieren wir unsere Arbeit in Deutschland und stehen im ständigen Austausch mit Freunden und Kollegen im ganzen Land und in ganz Europa. Wir sind tief bewegt von dieser unschätzbaren Anerkennung unserer Arbeit.
Es fällt schwer, in diesen dunklen Tagen glücklich zu sein. Seit einigen Jahren schon ist es schwer, glücklich zu sein, seit den Kriegen in der Ukraine, im Sudan, im Gazastreifen, im Libanon und nun im Iran. Kriege, die Menschenleben zerstören – physisch und moralisch –, die die Grundlagen von Gesellschaften untergraben, Städte zerstören, Dörfer auslöschen, sie pulverisieren, Völker auslöschen. Nur hier und da kleine Freuden, wie dieser Preis, diese Anerkennung durch das Land und die Stadt, die wir aus Liebe und aus Respekt gewählt haben. Respekt für die Arbeit, die geleistet wurde – eine Arbeit, die nicht leicht ist: Erinnerung bewahren, Selbstkritik üben, sich der Geschichte stellen, der Geschichte eines Landes, der Eltern, der Großeltern. Wir sind hierhergekommen, weil wir an dieses Engagement geglaubt haben.
Dennoch möchten wir ein Wort an Deutschland richten, unser neues Watan – unsere neue Heimat.
Ich (Rabih Mroué, Anm. d. Red.) stamme ursprünglich aus dem Süden des Libanon – einem Ort, der nun davon bedroht ist, vollständig ausgelöscht zu werden. Nicht nur durch Bomben, sondern auch durch Bulldozer, die methodisch Häuser, Dörfer, Städte und religiöses Weltkulturerbe sowie die Erinnerungen an Leben zerstören. Und hier stehe ich nun in Berlin, nicht als Außenseiter, sondern beides: Ich bin Libanese. Und ich bin Deutscher. Und genau das ist das Schwierigste daran. Denn ein Teil von mir gehört einem Ort an, der zerstört wird, während ein anderer Teil einem Land angehört, das dazu beiträgt, diese Zerstörung möglich zu machen. Das ist für mich nichts Abstraktes. Es ist konkret und persönlich. Es ist ein Widerspruch, den ich jeden Tag mit mir trage.
Deutschland hat der Welt ein Versprechen gegeben: Nie wieder. Nie wieder … Aber was bedeutet das, wenn es nicht überall und für alle gilt? «Nie wieder» darf keine Grenzen kennen. Es darf nicht entscheiden, wessen Leid zählt und wessen nicht. Deshalb sagen wir dies nicht aus der Ferne, sondern aus dem Inneren heraus:
Hört auf, Kriege zu unterstützen, die das Leid verlängern. Hört auf, Waffen zu liefern, die Leben zerstören. Hört auf, Völkermord zu leugnen. «Nie wieder» kann nicht mit Komplizenschaft funktionieren. Vielleicht klingt der Glaube an den Frieden naiv. Aber Schweigen ist weder neutral noch unschuldig. Wenn wir keinen Frieden schaffen können, dann lasst uns zumindest ablehnen, den Krieg zu verteidigen. Und wir können nicht akzeptieren, dass eines unserer Länder zur Zerstörung des anderen beiträgt. Die Geschichte kann neues Leid nicht rechtfertigen. «Nie wieder» muss alle Leben schützen. Lasst «Nie wieder» also etwas bedeuten. Nicht nur hier. Sondern überall. Nicht nur für einige, sondern für alle.
Danke für diesen wertvollen Preis und für dieses kleine Licht, das ihr uns, Lina und Rabih, in unseren dunklen Zeiten geschenkt habt.
Theater heute Juni 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Lina Majdalanie und Rabih Mroué
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