Nicht ganz ernst

Jetzt sind auch Brechts Notizbücher faksimiliert und perfekt ediert

Theater heute - Logo

Brechts Notizbuch wird in der nun erschienenen Suhrkamp-Edition auf eine Weise aufbereitet, die keine Wünsche gegenwärtiger Editionsphilologie und -praxis offen lässt: Die einzelnen Seiten der kleinen schwarzen Notizbüchlein, in denen erotische Gedichte, Zoten und erste Überlegungen zum «Fatzer» neben aussagekräftigen To-do-Listen, Adressen und kryptischen Zahlen stehen, werden faksimiliert und auf der gegenüberliegenden Seite transkribiert, stehen auf großen weißen Seiten, die Platz für Anmerkungen unterschiedlichster Art bieten, werden von umfangreichen längeren Kommentaren be

gleitet und stellen in toto eine Variante dessen dar, was – Paradigmen setzend – einst die Frankfurter Ausgabe der Schriften Hölderlins bei Stroemfeld etablierte: eine Veröffentlichung für kommende Generationen, angelegt auf lange Haltbarkeit, ja Dauer. Dies greift ohne Zweifel eine Regung Brechts auf, die sich in der lebenslangen Sammlung seiner Notizen, Entwürfe, Typoskripte und Handschriften niederschlug, in der Vorarbeit auf die eigene Archivierung im Dienste eines langen Nachruhms.

Und doch ist dies eben nur eine der Regungen Brechts, und vielleicht eine, die, alleine für sich, nicht seine stärkste ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2024
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Nikolaus Müller-Schöll

Weitere Beiträge
Das andere Geschichtsdrama

In der Schlange an der Kasse beim Drogeriemarkt in Gelsenkirchen – Türken, Kurden, Syrer, Iraker, Albaner, Ukrainer, Bulgaren, Rumänen, Tunesier. Alle aus ehemaligen Provinzen oder Vasallenstaaten des Osma -nischen Reichs. Mehr als die Hälfte der Be -wohner Gelsenkirchens kommen daher. Dieses Reich ist mitten unter uns, wir wissen es nur nicht. «Wer nicht von hier...

Die leeren und die vollen Bäuche

Surprise: wir haben also das Feudalsystem nie verlassen – welcome im Bad Kingdom Germany.» So heißt es gegen Ende von Falk Richters Schaubühnen-Abend «Bad Kingdom». Als Resümee in einem längeren Monolog zur wachsenden Vermögensungleichheit im Land. Deutschland – ein mieses Königreich, ein Land der schlecht verteilten Chancen.

Der Claim könnte gut als Motto über...

Das beispielhafte Leben des Samuel W.

Das vorliegende Theaterstück besteht aus über einhundert Gesprächen. Die meisten davon wurden real geführt zwischen Januar und September 2022, die anderen sind frei erfunden. Genau lässt sich das nicht mehr zuordnen, Schade.

Samuel W. wird während des gesamten Stücks nicht auf der Bühne zu sehen sein. Er sagt nichts, auch nicht aus dem Off. Ihn abzubilden oder in...