Nicht auf Kommando!
Die Bühne leer, der Zuschauerraum zu einem Drittel besetzt: Premieren in Corona-Zeiten. So sieht es auch zu Beginn beim «Geizigen» aus, Leander Haußmanns Bubenstück fürs Hamburger Thalia Theater, fünf Wochen lang per Zoom geprobt, bevor es auf die Bühne ging. Auf der jetzt geküsst und gestritten wird im gebotenen Mindestabstand von 1,50 m.
Und lange vor allem gesessen – auf rampennahen Plastikstühlen, erst einer, dann zwei, dann drei, dann vier: für die Schleimer, die sich ranwanzen an den Geizigen, Harpagon, Jens Harzer, kaum zu erkennen im Proll-Look von unwiderstehlicher Ekligkeit (siehe auch S. 49 in diesem Heft) eines Horst Schlämmer.
Und dann sitzt da plötzlich eine auf seinem Schoß, Frosine, die Matchmakerin, streckt elegant das linke Bein aus und lässt sich vom fiesen Harpagon den schwarzen Strumpf anlegen: eine Lektion in erotischer Annäherung, die der alte Mann dringend benötigt. Will der doch die junge Mariane ins Ehebett locken, und was in Betten abgeht, hat er längst vergessen. Frosine im hautengen, schulterfreien, klitzekleinen Schwarzen ist eine gebärdenanmutige Künstlerin des Verkuppelns und Einseifens mit durchaus eigenen Interessen: Wie alle braucht sie Geld, den ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Akteure, Seite 32
von Barbara Burckhardt
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