Nähe und Distanz
Unmittelbar vor der Pause tanzt eine aus der Reihe: Kathleen Morgeneyer, zwei Stunden lang ein aufgekratztes Hühnchen auf der Suche nach ein bisschen Leidenschaft, nimmt sich ihren Auftritt, reißt sich den goldenen Lametta-Fummel vom Körper und tritt im roten Licht halbnackt an die Rampe, schwarze Troddeln an der Brust und tiefe Verzweiflung in der Stimme: «Schaffen wir uns ab!», röhrt sie mit Peter Lichts Song «Neue Idee» zu eckigen Tanzschritten, während sie sich schwarze Farbe in den Slip gießt und über die Beine rinnen lässt: Blacklegging, eine neue Form der Selbstauslöschung.
Durchschimmernde Sehnsüchte
Eine Verwirrung im schönen Spiel des Altbekannten, das Daniela Löffner mit ihrer Inszenierung von Gorkis «Sommergästen» im Deutschen Theater bis dahin zelebriert hatte; im geschlossenen Holzkasten (von Claudia Rohner), in dem das 15-köpfige Ensemble auf flexiblen Klappstühlen unsortiert Platz genommen hat. Wir kennen die Versuchsanordnung. Jürgen Gosch hat sie immer wieder angewendet in den auf- und abganglosen Boxen, die Johannes Schütz ihm baute: ein Spiel im Kasten, das keiner der Akteure je verlässt, das Ensemble eine omnipräsente Einheit, aus der immer wieder einer, zwei ...
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Theater heute April 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Barbara Burckhardt
Im Hotel «Zur schönen Aussicht» haben sich Personal und Bausubstanz mit dem Bankrott des guten Namens abgefunden. Die Marmorverkleidung am Empfangsportal geht nahtlos in stockfleckige Wände über, in der Lobby lungern Möbel von unpfändbarer Qualität, im Gewölbe verdüstert sich die Historie eines Monumentalgemäldes zur Unkenntlichkeit. Das Restaurant: notorisch...
Der Prinz von Marokko ist in Shakespeares «Kaufmann von Venedig» der dritte Heiratskandidat, der sich vor der schönen und reichen Portia zum Affen macht. Nach dem Prinz von Hannover (Ilja Harjes als Ernst-August-Parodie mit ausgepolstertem Arsch in zu engen Jeans) und dem Prinz aus Kasachstan (Garry Fischmann nackt unter Fellmütze und -weste) tritt Zainab Alsawah...
Von Zögling Törless über Hanni und Nanni bis zu Harry Potter – literarisch bis popkulturell reich aufgeladen ist die Institution Internat seit jeher mit Jugendabenteuern und Missbrauchs-Vorstellungen. Internate sind Kaderschmieden und Netzwerkstätten verhaltensgestörter Rich Kids, noble Edelsportstätten, paramilitärische Abrichtungsanstalten – aber vor allem gelten...
