Zürich/Bern: Verlegenheitsritte
Ein Schwein rast durch Brüssel. Es ist nicht sicher, ob es ein Einzelschwein ist oder eine ganze Herde, noch nicht einmal, ob es das Schwein wirklich gibt oder ob es nicht doch ein Phantomschwein ist.
Aber es wirbelt Europas «Hauptstadt» im buchpreisgekrönten Roman von Robert Menasse gehörig auf – im Verbund mit einer Reihe weiterer mehr oder weniger durch- und einsichtiger Geschehnisse im Verlauf regnerischer Tage, dem präzisen Fehlschuss eines christlichen Untergrundkämpfers aus Polen etwa oder den nicht so präzisen Ideen für ein Europa-Jubiläum der Union, Ideen zur Überwindung der Nationalstaaten vor der mahnenden Folie von Auschwitz und als Kontrapunkt dazu ein zunehmend bedrohlich wirkender Demonstrationsaufmarsch des europäischen «Volks».
Die Perspektive wechselt fortwährend: Das macht viel vom Reiz in Menasses «Hauptstadt» aus, dass er wie in einem Kaleidoskop an einer Vielzahl von Orten eine Vielzahl Figuren durcheinander schüttelt. Für ein Theater wie das Neumarkt mit seinem kleinen Ensemble ist das eine Herausforderung – Tom Kühnel begegnet ihr in dieser Uraufführung mit heftiger Überzeichnung.
Da wird polnisch genäselt und österreichisch geknödelt, der Schweinezüchter ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2018
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Andreas Klaeui
Dieser Blick, überlegen, lauernd, unheimlich – dass der Kerl im Seidenanzug beruflich irgendwas mit schwarzer Magie macht, glaubt man sofort. Tartini heißt der zwielichtige Zampano aus Thomas Arzts neuem Stück «Die Anschläge von nächster Woche». Dominik Lindhorst-Apfelthaler spielt ihn in der Heidelberger Uraufführung mit einer Spur von Wahnsinn in den immer etwas...
Der Prinz von Marokko ist in Shakespeares «Kaufmann von Venedig» der dritte Heiratskandidat, der sich vor der schönen und reichen Portia zum Affen macht. Nach dem Prinz von Hannover (Ilja Harjes als Ernst-August-Parodie mit ausgepolstertem Arsch in zu engen Jeans) und dem Prinz aus Kasachstan (Garry Fischmann nackt unter Fellmütze und -weste) tritt Zainab Alsawah...
Rebekka Kricheldorfs «Fräulein Agnes» kritisiert sich mit Verve aus allen sozialen Zusammenhängen. Ibrahim Amirs «Homohalal» räumt mit allen Bessere-Menschen-Klischees im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auf. Thomas Melles «Versetzung» zeigt, wie erstklassigem pädagogischen Personal die Wirklichkeit unter den Füßen verrutscht. In Maria Milisavljevics «Beben»...
