Mythos und Geschichte
Was für eine Familie. Der Ur-Opa war ein mittlerer Massenmörder der SS und wurde beim Einmarsch der Roten Armee vor den Augen seiner Tochter auf Nimmerwiedersehen verschleppt, das Kind anschließend von einem Russen vergewaltigt. Lieblingssspruch der Mutter: «So etwas passiert in unserer Familie nicht.» Die Traumata aus dem Krieg lassen auch danach keine rechte Lebensfreude aufkommen. Enkel Frank wächst lieblos auf, seine einzige Freundin wird beim Indianerspiel an der Grenze erschossen. Urenkelin Franziska ist arbeitslos, tablettensüchtig und ritzt sich Hakenkreuze.
Die Oma, nach deren Begräbnis man sich versammelt, war familienweit als Tyrannin gefürchtet, Onkel Wolfgang ist immerhin sympathisch dement. Die erste zaghafte Wärmestrahlung kommt ganz zum Schluss auf, wenn sich Vater und Tochter bei einer Tasse Kaffee versöhnen, nachdem der Schauspieler-Papa seine Stasi-Mitarbeit gestanden hat.
Sören Hornung hat in schnellen Schnitten und unter Zuhilfenahme einer Erzählerfigur eine ostdeutsche Familiengeschichte von 1945 bis heute skizziert, voller Rückblenden, Geständnisse und vager Andeutungen. Abgerissene Sätze stehen im Wind der Zeitläufte, das Märchen vom bösen Wolf und den ...
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Theater heute Juli 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Franz Wille
Die vermeintlich großen Dramen des kleinen Menschen führen zu vielen Absurditäten im Leben, und manchmal haben sie extreme Folgen. Die meisten Theaterstücke erzählen aber im Kern nicht von Mord und Totschlag, nicht von Glückseligkeit, vom Himmel auf Erden, sondern davon, was Menschen alles aushalten, wie sie das durchstehen, was ihnen unerträglich scheint. Das...
Zum Schluss stapfen zwei alte Männer (weiß sind sie natürlich auch) durch eine finstere, mit Leichensäcken gepflasterte Ödnis. Der Grauhaarige im höfischen Kostüm fragt den noch Älteren im modernen Lederblouson, wem er denn nun seinen einzigen Sohn überantwortet habe. Der Angesprochene beglückwünscht zur richtigen Entscheidung: «Der Verwesung lieber als / Der...
Das Denken muss kalt sein, sonst wird es familiär.» Schreibt Friedrich Nietzsche. Einar Schleef, der dessen «Ecce Homo»-Monolog in Form und mit sich selbst als brillantem Rhetor auf die Bühne brachte, war im Denken kalt und im Fühlen hochentzündlich. Provokation lag bei Schleef höchstens in seinem Willen, mit dem ein Unzeitgemäßer – und auch Wagnerianer – Rituale...
