Mutterseelenallein

Simon Stephens «Am Ende Licht»

Am 6. Februar 2017 betritt Christine nachmittags einen Supermarkt. Neun Monate war sie trocken. Bei dem Versuch, eine Flasche Wodka aus dem Getränkeregal zu holen, stirbt sie an einer Gehirnblutung. Im Moment ihres Todes lässt Christine ihr Leben Revue passieren. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in der nordenglischen Provinz, träumte sie davon, Rudolf Nurejew zu sein oder eine Trapezkünstlerin zu werden. Als sie zwölf Jahre alt war, verließ ihre Mutter die Familie. Um das Gefühl zu vertreiben, nicht dazu zu gehören, begann sie als Jugendliche mit dem Trinken.

Mit siebzehn verliebte sie sich, bekam Jess, ihr erstes Kind, und wurde verlassen. Mit neunzehn heiratete sie Bernhard, den sie nicht liebte, der aber gut zu ihrer Tochter Jess war, und bekam zwei weitere Kinder mit ihm, Ashe und Steven. Als ihre Kinder größer wurden, fing sie erneut an zu trinken. Die Alkoholsucht blieb ihr ständiger Begleiter.

Während Christine stirbt, trifft sich ihr Ehemann Bernhard mit seiner Geliebten Michaela und deren Freundin Emma zum Sex in einem Hotel. Ihre älteste Tochter Jess, eine Volksschullehrerin, wacht nach einer durchzechten Nacht neben einem Fremden auf und beginnt, sich in ihn zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Neue Stücke, Seite 157
von Ingoh Brux

Weitere Beiträge
Die kritische Masse

Gewerkschaftsarbeit, seien wir ehrlich, ist ein Wort, bei dessen staubigem Klang sich normalerweise Hustenreiz einstellt. So war es jedenfalls, bis Ende März Lisa Jopt in einem YouTube-Video sich und ihre «Modernisierungsagenda» den Mitgliedern der Genossenschaft deutscher Bühnenarbeiter:innen vorstellte: In vierzig sachlichen und doch unterhaltsamen Minuten...

Willkommen im großen Zaudern

Es ist nicht so, dass es keine männliche Rolle gäbe in Svenja Viola Bungartens neuestem Stück «Maria Magda» mit dem sie den deutschsprachigen Wettbewerb des Heidelberger Stückemarkts 2021 gewonnen hat. Eine gibt es schon, bei der es zumindest dramaturgisch verschenkt wäre, sie nicht mit einem Mann zu besetzen: Die Rede ist von Gott. Und der muss für einiges...

Erodierende Realitätswahrnehmung

Elfriede Jelineks Stück «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» gleicht einem Flug durch den gewaltigen Nebel an Gerede, der sich im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie vor allem in den digitalen Medien ähnlich rasant verbreitet hat wie das Virus selbst. Bemerkenswert ist, wie Jelinek im lauten Streit «aufrichtiger Meinungen» ein Netz verdeckter Korrespondenzen...