Müllers Kind als Kult
«Passionsweg durch die Moderne» hat Brigitte Maria Mayer ihre Auseinandersetzung mit Müllers Text genannt, die sich auf drei Leinwänden in einer Art Filmessay, aber auch in zwei Räumen der Berliner Akademie der Künste abspielt, wo man unter anderem der Malerin Hui Zhang dabei zusehen kann, wie sie Tiepolos Würzburger Fresco «Apollo und die vier Kontinente» kopiert – ein Akt, der den Originalitätsanspruch des Abendslandes relativieren und den Einbruch der Dritten Welt in die Erste als Kunstaktion demonstrieren soll, dabei aber den eigenen kolonialistischen Blick gar nicht bemerkt: di
e Chinesin als Kopistin abendländischer Meister. Ein Eindruck, der sich im Film noch verstärkt – ein bildmächtiger Marsch durch Müllers Text, in dem man der authentischen chinesischen Kultur nur noch als Hochglanzkulisse begegnet.
Zwischen alten Tempeln steht ein junges Mädchen in einem enormen elisabethanischen Reifrock aus weißem Fell, um das chinesische Geistliche einen merkwürdigen Tanz vollführen.
Und der eigene Blick?
Am Anfang wandert ein blasser Mond über drei Leinwände. Als Text erscheint der Stückanfang: Was bisher geschah. Dann brechen die Bilder los, Landschaften der Welt, gefilmt, wie ...
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1.«Alles ist spielbar», hat Jürgen Gosch mal bei einem gemeinsamen Treffen mit Johannes Schütz und mir im Café Lubitsch gesagt. Oder genauer – um ihn vollständig zu zitieren: «Alles ist spielbar, solange es im Text vorkommt.»
Konkret ging es damals wohl darum, wie es wäre, wenn sich ein komplettes Ensemble von Schauspielern in einen Schwarm Vögel verwandelt. Oder...
Eigentlich dürfte er sich auf den Lorbeeren ausruhen, die er als Dramatiker, Dissident und Präsident erlangt hat. Müsste nicht mehr zu seinen Premieren anreisen und gute Miene zum schlechten Spiel machen. Könnte ja auch die Füße hochlegen und Gedichte schreiben. Will Václav Havel aber nicht!
Vor rund 20 Jahren hat er zuletzt ein Stück präsentiert, nun kehrt der...
Bei Theaterkongressen, auf denen er in Europa die Entstehung seines «Theaters der Unterdrückten» nachzeichnete, erzählte Augusto Boal gern folgende Geschichte: «Im letzten Akt des selbstgeschriebenen Bauerndramas, das wir im Nordosten auf Lastwagenrampen spielten, sangen wir, das Gewehr fest umklammert: ‹Unser Blut für die Freiheit. Unser Blut für unseren Grund...
