Müllers Kind als Kult
«Passionsweg durch die Moderne» hat Brigitte Maria Mayer ihre Auseinandersetzung mit Müllers Text genannt, die sich auf drei Leinwänden in einer Art Filmessay, aber auch in zwei Räumen der Berliner Akademie der Künste abspielt, wo man unter anderem der Malerin Hui Zhang dabei zusehen kann, wie sie Tiepolos Würzburger Fresco «Apollo und die vier Kontinente» kopiert – ein Akt, der den Originalitätsanspruch des Abendslandes relativieren und den Einbruch der Dritten Welt in die Erste als Kunstaktion demonstrieren soll, dabei aber den eigenen kolonialistischen Blick gar nicht bemerkt: di
e Chinesin als Kopistin abendländischer Meister. Ein Eindruck, der sich im Film noch verstärkt – ein bildmächtiger Marsch durch Müllers Text, in dem man der authentischen chinesischen Kultur nur noch als Hochglanzkulisse begegnet.
Zwischen alten Tempeln steht ein junges Mädchen in einem enormen elisabethanischen Reifrock aus weißem Fell, um das chinesische Geistliche einen merkwürdigen Tanz vollführen.
Und der eigene Blick?
Am Anfang wandert ein blasser Mond über drei Leinwände. Als Text erscheint der Stückanfang: Was bisher geschah. Dann brechen die Bilder los, Landschaften der Welt, gefilmt, wie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Henry Millers Roman «Sexus» eilt der üble Ruf voraus, das Ficken ficken genannt zu haben, lange bevor dies offiziell üblich war. In Oberhausen soll die Idee, «Sexus» auf die Bühne zu bringen, aus Diskussionen um den «Sommernachtstraum» hervorgegangen sein: Und in der Tat könnte man in «Sexus» den Sommernachtstraum des 20. Jahrhunderts sehen. «Was meinst du, was das...
Richard Herzinger wettert in seinem Essay (mit reichlich Schaum vor dem Mund) dagegen, dass die drei blauen Bände des «Kapitals» heute wieder gelesen und diskutiert würden, dass sie wieder «salonfähig» seien – er tut ja geradezu so, als sei es «Mein Kampf», toxisches Material, das man verbieten muss. Argumentativ bezieht er sich allerdings so gut wie gar nicht auf...
Wenn ich nochmal jünger wäre», sagte die damals 52-jährige Gisela Stein 1987 in einem «Theater heute»-Gespräch, «hätte ich versucht, mich zu einer Anarchistin auszubilden», um «diese Gesellschaft, die sich selbst so toll findet in ihrem eigenen Saft», noch anders aufzumischen. Sie sprach auch von ihren Kriterien: «Die Sehnsucht, etwas zu entdecken anhand von...
