Mülheim: Ewige Katastrophe

Hans Magnus Enzensberger «Der Untergang der Titanic»

Theater heute - Logo

Wie die Welt untergehen wird? «Unter dem Jubel ihrer witzigsten Köpfe, die da meinen, es wäre ein Witz», heißt es im «Untergang der Titanic» von 1978. Klingt grob, aber genau das ist es, was die apokalyptische Komödie von Hans Magnus Enzensberger jetzt, angesichts der anstehenden Klimakatastrophe, so aktuell macht: die Vorstellung der Katastrophe als Witz. 

Ein Witz ist bei Freud eine Technik des Unbewussten, um Gefühlsaufwand, um Konflikte zu umgehen. Aus der Angst oder Reue angesichts des Zustands des Planeten werden also zynische Kalauer oder erbärmlich hilflose Scherze.

Witzig sind in Philipp Preuss’ formstrenger Inszenierung des selten gespielten Stückes am Theater an der Ruhr zum Beispiel die Eiswürfel: Ihr sanftes Klirren im Cocktailglas wird als Soundtrack des Abends geloopt, später steht das Ensemble mit sorgenvoll gerunzelter Stirn um einen winzigen Eiswürfel auf dem Boden herum, der in der Videoprojektion über ihnen als amtlicher Eisberg erscheint. 

Witzig ist auch, wie ein launig performter Song der Bordentertainer zur Livemusik von Kornelius Heidebrecht und Henning Nierstenhöfer in melodisches Husten und Röcheln übergeht. Und witzig ist nicht zuletzt, dass Preuss das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Im Osten viel Neues

Ich hatte mich in den 90er Jahren daran gewöhnt, dass es meinen Chef aus Osnabrück erstaunte, mich Englisch sprechen zu hören, obwohl ich aus dem Osten komme. «Waren die Leute in der DDR eigentlich blöder, oder warum haben da so wenige Abitur gemacht?» Wie sollte ich das erklären ...? Die grobe DDR-Vergangenheitsbetrachtung war mir lange Zeit egal, denn ich habe in...

Vorschau - Impressum (11/2019)

Milo Rau filmt im süditalienischen Matera «Das neue Evangelium». Jesus als Politaktivist für die Rechte afrikanischer Erntehelfer? – Ein Besuch am Drehort

In Ewald Palmetshofers «Die Verlorenen» gleitet eine Patchworkfamilie in die Katastrophe: der Stückabdruck

Anita Vulesica hat schon vieles ausprobiert: Stationen in Jena, Weimar, Halle, an der Berliner...

Alle unterm gleichen Vorhang

Sie – er – es ist einfach perfekt. Langbeinig, wallemähnig, sportlich schlank und stets lieb und zugewandt. Sie hat es von einer Sexpuppe zur einfühlsamen, durchaus kritischen Gesprächspartnerin gebracht. Wenn sie dabei zu sehr nervt, kann man die Kommentarfunktion abschalten. Peter Vogel hat sich das perfekte Liebespendant, seine «Echokammer», erschaffen und nennt...