Archiv: Rückblende

Heiner Müller in einem Gespräch mit Stephan Speicher für den Berliner «Tagesspiegel» am 9. November 1991

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Stephan Speicher Der Riss durch Deutschland soll erhalten werden, haben Sie gesagt. Müsste man die Mauer wieder bauen?

Heiner Müller Man soll nicht so tun, als ob da kein Riss ist. Diesen Riss muss man sich erst einmal bewusstmachen und analysieren, was mit der Vereinigung nicht funktioniert. Es war lange eine Tendenz, im Bierrausch alles für geklärt zu halten. Nun merkt man, dass nichts geklärt ist. Mir fällt es selbst auf. Ich hatte heute morgen, als ich an dieses Gespräch zum 9. November dachte, fast einen Blackout: Was war denn am 9.

November? Es ist merkwürdig, wie schnell Geschichte wegrutscht. Es gehört zu unserer Konditionierung, dass es nur Gegenwart gibt und keine Vergangenheit, deswegen auch keine Zukunft. Das sehe ich als Gefahr, ohne Herkunft gibt es keine Zukunft. Man schneidet die Vergangenheit ab und verdrängt sie. 

Speicher DDR und Bunderepublik rutschten rasch, innerhalb eines Jahres, zusammen. Hat es auch daran gelegen, dass es keinen zureichend scharfen Begriff von dem gab, was die DDR oder was Sozialismus noch hätte sein können?

Müller Das war eine verständliche, liebenswerte, aber doch eine Illusion, dass aus der DDR noch etwas Alternatives gegenüber der ...

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Theater heute November 2019
Rubrik: Magazin, Seite 71
von

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