Mücken und Elefanten
Es gibt Tage, an denen man einfach annimmt, dass alles wie gewohnt verlaufen wird. Niemand rechnet damit, dass etwas Unvorherge -sehenes passiert. Ende April machte ich mich morgens auf den Weg zum Theater, fest entschlossen, den Tag positiv zu verbringen. Ich war mir sicher, dass es noch regnen, vielleicht sogar gewittern würde – aber erst einmal schien die Sonne. Im Theater angekommen, bereitete ich mich auf die Probe vor. Noch ein Tag bis zur Premiere.
Nach dem Durchlauf machten wir gemeinsam mit der Regie noch eine Runde Kritik.
Der Tag war sehr schön und produktiv, so wie ich es mir gewünscht hatte – bis ich mich auf den Weg nach Hause machte. Es regnete heftig, als ich aus dem Theater kam. Mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren, war also keine gute Idee, ich würde komplett durchnässt ankommen, möglicherweise auch noch eine Erkältung bekommen. Das wollte ich kurz vor der Premiere auf keinen Fall riskieren. Also öffnete ich die App eines Fahrdienstes, um möglichst schnell und vor allem trocken nach Hause zu kommen.
Banale Momente
Es dauerte, bis der Wagen ankam, aber als ich endlich drinsaß, war ich beruhigt. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, und ich dachte über diesen erfolgreichen Tag nach. Der Fahrer grüßte mich und fragte, ob er weiter telefonieren könne. Ich erwiderte ihm, dass ich lieber Ruhe haben würde, da ich einen langen Tag hinter mir hatte. Er war über meine Antwort verwundert und legte widerwillig auf. Sofort lag eine gewisse Anspannung in der Luft. Während der Fahrt bemerkte ich, dass viele Straßen gesperrt und es schwierig war, voranzukommen. Ich erwähnte dies beiläufig, eher zu mir selbst sprechend, aber der Fahrer reagierte sofort gereizt, als hätte ich ihm die Schuld gegeben. «Ich habe die Straßen nicht gesperrt», sagte er verärgert. Ich versuchte die Situation aufzuklären, aber er schien immer noch genervt zu sein. Ich glaube, er hörte mir gar nicht wirklich zu – er wollte offenbar genervt sein –, hatte das überhaupt etwas mit mir zu tun? Ich versuchte, es weiter zu ignorieren. Doch mein Schweigen stachelte ihn nur weiter an. Ich wollte mich nicht unterhalten und schon gar keine Diskussion führen, die möglicherweise eskalieren würde – sind es nicht genau diese eigentlich banalen Momente, die eine Situation zum Eskalieren bringen? Ich war seit morgens unterwegs und hatte wirklich keine Lust auf diesen völlig überflüssigen Konflikt. Doch er fühlte sich von mir missverstanden, und irgendwie bekam das Gespräch eine immer absurdere Wendung. Auf einmal ging es um die Verständlichkeit der deutschen Sprache, sprachliche Missverständnisse und – Moment mal, wie waren wir denn hierhergekommen? Es ging jetzt weder um sein Telefonieren vom Anfang der Fahrt, noch die gesperrte Straße oder die deutsche Sprache – auf einmal ging es darum, das ich eine schwarze Frau sei und … – und während er das aussprach, verlor er mehr und mehr die Beherrschung: «Bist du überhaupt deutsch? Woher kommst du?»
Ich antwortete, dass das nicht relevant sei, ich wollte diese Situation beenden – aber wie? Und wie war diese Situation überhaupt entstanden? Er stoppte das Auto und forderte mich auf, auszusteigen. Wir waren ungefähr auf der Hälfte der Strecke – ich weigerte mich auszusteigen, ich wollte einfach nur nach Hause. Es war mittlerweile fast Mitternacht. Er diskutierte weiter, aber ich sagte nichts mehr.
Endlich stieg ich aus dem Wagen, was hatte sich hier gerade abgespielt? Ich fühlte mich hilflos und wütend.
Inzwischen war es nach Mitternacht. Ich rief eine Freundin an, ich musste mit jemanden über dieses Erlebnis sprechen. Ich erzählte ihr aufgebracht, was ich gerade erlebt hatte. Beim Erzählen kam mir die Situation noch absurder vor, und ich wurde immer wütender.
Dinge klären
«Aus einer Mücke einen Elefanten machen» – dieses Sprichwort fällt mir im Nachhinein, einige Wochen später, zu dieser Situation ein. Und wenn ich es mir genauer überlege, passiert das nicht ständig? Sprach ich nicht neulich mit einer Kollegin über eine ähnlich absurde Situation im Supermarkt, als zwei Personen nach einer Packung Milch griffen? Erzählte nicht ein Kollege von einer Begegnung beim Einsteigen in den Bus, die fast eskalierte – aus dem Nichts? Ich habe das Gefühl, wir begegnen einander mit einer unglaublich großen Anspannung, eine Gereiztheit liegt in der Luft, die ich mir oft nicht erklären kann – und die eine Hilflosigkeit hervorruft. Diese Hilflosigkeit in alltäglichen Situationen macht mich wütend. Am Ende sind beide Seiten aufgewühlt, es geht nicht darum, wer Recht und wer Unrecht hat, alle Beteiligten fühlen sich gleichermaßen unverstanden und ungerecht behandelt. Vielmehr befinden wir uns immer häufiger in einem Gefühlszustand der Angespanntheit, der ewigen Beschleu -nigung und des Stresses, sodass schon der kleinste Auslöser im Miteinander dazu ausreichen kann, uns direkt zu triggern. Wo ist die Ausgeglichenheit hin, die Resilienz, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte auszuhalten, Dinge mit -einander zu klären und nicht den eigenen oder den Emotionen anderer hilflos ausgeliefert zu sein in diesen alltäglichen Situationen? Es gibt genug Elefanten, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen und sollten, vielleicht kann eine Mücke auch einfach mal eine Mücke bleiben?
MERCY DORCAS OTIENO, geb. 1987 in Nairobi, studierte Soziologie in Graz und Schauspiel am Max Reinhardt Seminar in Wien. Nach Stationen in Graz und Bochum spielt sie seit letzter Spielzeit im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin.
Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Ärgernisse, Seite 90
von Mercy Dorcas Otieno
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