Mord oder Nichtmord, das ist hier keine Frage

Frank Castorf schnürt Brechts «Maßnahme» und Heiner Müllers «Mauser» zusammen, Michael Thalheimer erforscht die Familie «Hamlet»

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Wie darf man das verstehen? Soll man um der höheren Sache, sagen wir einer Revolution willen, Menschen umbringen? Bevor man sich kurz ans Hirn greift, wie man die Frage überhaupt stellen kann: Brecht hat sie in seiner «Maßnahme» mindestens diskutiert, wenn nicht bejaht; Heiner Müller hat sie in «Mauser» mindestens variiert, wenn nicht akzeptiert – und das vergangene Jahrhundert hat sie zigmillionenfach nicht einmal gestellt, sondern die jeweiligen Feinde der Revolution rechts wie links gleich umgebracht.

Frank Castorf schließlich findet sie zumindest so drängend, dass er einen dreistündigen Doppelabend aus «Maßnahme» und «Mauser» ansetzt. 

Der Griff in die hinterste Ecke des dramatisch-ideologischen Giftschranks kramt zwei sehr verstaubte Phiolen hervor. Brechts «Die Maßnahme» von 1930, vom Autor und seinen Erben über 40 Jahre mit Aufführungsverbot belegt, weil man sich nicht stalinistisch (miss?) verstehen lassen wollte, klappert gut lehrstück-didaktisch das Verhalten eines jungen Revolutionärs durch, der mal mitleidig, mal gerecht, aber immer menschlich das im Sinn der revolutionären Strategie Falsche tut – bis er in auswegloser Situation in den eigenen Tod einwilligt, um seine ...

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Theater heute Mai 2008
Rubrik: Aufführungen, Seite 39
von Franz Wille

Vergriffen
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