Hut ab vor dem Einzelfall
Im letzten Bild von «Onkel Wanja», Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierung am Deutschen Theater, sitzt Ulrich Matthes’ ausgemergelter Wanja zerstört auf der Lehmbank. Das Licht ist schon ziemlich tief gerutscht im mit Erde bestrichenen Bühnenkasten von Johannes Schütz und wirft lange Schatten, als ginge der Sonne nach einem anstrengenden Tag die Puste aus.
Gerade ist die letzte unerwiderte Liebe des alternden Junggesellen ausgezogen, die Zukunft schnurrt in schrecklicher Perspektivlosigkeit zu einem kläglichen Rest zusammen, und nichts klingt hoffnungsloser als Sonjas Versuch, den Onkel aufs Jenseits zu vertrösten: «Wir werden glücklich sein!» Da laufen Tränen über Matthes’ Gesicht, bevor es mit offenem Mund und dunklen Augenhöhlen zur Totenmaske erstarrt.
Spätestens an dieser Stelle weiß man: Treffer! Jedenfalls, wenn man, wie ich, Trüffelschwein ist. Als solches sucht man im Auftrag des Berliner Theatertreffens nach den zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Zuvor habe ich als Jurorin für das freie Theaterfestival «Impulse» und die Fördermittelvergabe für Berliner freie Gruppen fünf Jahre lang viele Abende in Off-Theater-Vorstellungen verbracht. Theoretisch ...
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Jeder erfüllt nur seinen Zweck. Von der Allmacht eines Regimes erzählt Mark Ravenhills neues Stück, und von der Ohnmacht des Einzelnen dem System gegenüber. Vom Totalitarismus also und von der Banalität des Bösen: Nichts umwerfend Neues, gewiss, andere haben es in (meist kurzlebigen) anderen Dramen auch schon getan. Dennoch muss es wohl immer wieder verhandelt...
Theater heute Signa Soerensen und Arthur Koestler, Sie sind beim diesjährigen Theatertreffen sicher mit dem ungewöhnlichsten Projekt vertreten. «Die Erscheinungen der Martha Rubin» sind eine Performance-Installation, in der Sie, ursprünglich für die Kölner Halle Kalk, eine eigene Welt erschaffen haben: Rubytown, ein Dorf im Niemandsland, bevölkert von dreißig...
Die Urszene? Vielleicht diese (schwarz-weiß): ein kleines Mädchen auf einem Schulhof, Hamburg, späte 40er Jahre. Zöpfe wahrscheinlich, ein klares, norddeutsches Gesicht, blaue Augen, breite Wangenknochen. Die Nase blutet. Sie hat sich geprügelt, und ist doch eigentlich ein liebes Mädchen, geprügelt um eine Rolle, die erste ihres Lebens: Hauptvögelchen in «Hüang und...
