Mörderische Gerüchteküche
Ping! Eine Nachricht ploppt auf: «Werter Herr Doktor, Sie können ja nicht mal ein Paar Kinderbeine über den Marktplatz laufen sehen, ohne das Ihnen die Augen raushängen.» Das Image von Dr. Grips, eigentlich ein angesehener Arzt, kriegt plötzlich Einschusslöcher. So werden per Messengerdienst heute Fakenews gestreut. Im Roman «Veritas verhext die Stadt» der österreichischen Autorin Maria Lazar (nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten 1948 im Stockholmer Exil gestorben) werden Gerüchte noch per Brief verbreitet.
Absenderin: eine Person, die sich zwar «Veritas», also Wahrheit nennt, aber eine Kleinstadt mit Lügen, Halbwahrheiten oder eigentlich intimen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Details überschwemmt.
Das soziale Leben der Stadt wird dadurch bis in die Familien hinein vergiftet und von innen heraus zerstört. So soll das Kind einer Frau die Frucht eines Seitensprungs sein, eine andere soll gar ihr Kind vergiftet haben. Die durch Veritas befeuerte Gerüchteküche entwickelt eine mörderische Eigendynamik, deren Opfer am Ende immer Frauen sind. Ist der Verdacht erst einmal in der Welt, dann klebe er fest «wie Pech», heißt es. Eine Frau trifft vor Schreck der Schlag an ...
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Theater heute Juli 2026
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Verena Großkreutz
Manchmal holt das Theater die Wirklichkeit nonchalant ein. Während draußen über Ölund Kerosinkrise diskutiert wird, ragt ein riesiger Flugzeugflügel auf die Studiobühne im Theaterhaus Jena. Mona Louisa-Melinka Hempel, Thato Kämmerer, Jonathan Perleth und Matondo Castlo spielen, springen und tanzen auf dem und um das von Marie Alice Bahra erdachte Flügelszenario...
Mit dem Knüppel in der Hand kämpf ich fürs Vaterland. Drauf auf den Anarchist, ich bin ein Polizist», donnert der Sound der Thüringer Band Schleimkeim über die Bühne, deren Punk-Attitüde schon zu DDR-Zeiten so manches Gemeindehaus hat erzittern lassen – woanders konnten die negativ-dekadenten Jugendlichen vom Dorf schließlich nicht auftreten. Dabei stand doch...
Es wirkt wie die Wartehalle eines Bahnhofs im Hinterland, in dem die russische Gutsbesitzerin zurückkehrt: Schmutzig gelbe Fliesen bedecken die grauen Wände, in die ein fraglich funktionierender Fahrstuhl eingelassen ist. Hoch oben hängt eine schmucklose Uhr, deren Anzeige schon lange stehen geblieben ist. Der einstige Reichtum der Familie scheint dem Verfall...
