Modernes Verschwinden

In «All right. Good night» erzählt Helgard Haug (Rimini Protokoll) zwei Geschichten von Ende und Zerfall

Theater heute

Wen oder was die Musiker:innen darstellen, ist nicht gleich klar. Meist sind sie ein emsiges kleines, akustisches Quintett, mit Bläsern, Streichern und einem formidablen Vibrafon. Später wird ein vorher aufgezeichnetes Kammerorchester virtuell zugeschaltet, welches nun karussellartig um unser kleines Ensemble herumspielt. Doch am Anfang stehen die Instrumentalisten auf der Bühne mit ihrem Instrumentengepäck Schlange, als wollten sie sich impfen lassen, bald merkt man: wohl eher, um einzuchecken oder zu boarden. Doch nun bleiben sie unter sich.

Keine weitere physisch präsente Person wird bis zum Schlussapplaus die Bühne betreten – wohl oder übel geraten die zwei Frauen und drei Männer ins Zentrum. Was stellen sie dar? 

Sonst haben nur fliegende Sätze ihren Auftritt, meistens auf halber Höhe über dem Bühnenboden schwebend, auf unterschiedlich tief im Bühnenraum platzierte, durchsichtige Folien oder Plexischeiben projiziert. Gelegentlich melden sich Stimmen, die diese Sätze mehrfach aussprechen, in unterschiedlich gebrochenem Deutsch und mit unterschiedlich brüchigen Stimmen. Und die Musiker:innen, ob nun konzentriert spielend oder an einer Art Strand auf eine Art Meer schauend, sind genau das, was Pop-Musiker:innen ja eigentlich immer auch sind (und klassische Ensembles wenigstens unfreiwillig), zumindest auf ihren eigenen Bühnen, nämlich lebende Bilder, Tableaux vivants: Darsteller, die etwas repräsentieren, ohne sich rollenspielend zu bewegen, absorbiert von ihrem Musizieren wie von einer inneren Bewegung; gelegentlich aber auch von etwas anderem absorbiert, etwa den Erzählungen des Stückes, denen sie nachzusinnen scheinen. 

Denn «All right. Good night» von Helgard Haug, Mitglied von Rimini Protokoll, hier mit einer Art Solo-Album auftretend, entfaltet keine Bewegung, ergreift keine Räume, sondern handelt von Verschwinden und Rückzug, jedenfalls ist das der erste Eindruck. Entropie nimmt zu an diesem Abend. Oder gerade nicht, weil das Zunehmen der Entropie, der Verlust von Form eine Form erhält, wider alle Thermodynamik erzählbar wird? 

Zwei – gewissermaßen – Anti-Entwicklungen werden parallel geschaltet: das allmähliche Verschwinden eines Mannes, mutmaßlich des Vaters der Autorin und Regisseurin, in seine Altersdemenz, und das Verschwundenbleiben eines riesigen Flugzeugs mit weit über hundert Menschen an Bord, das eine Stunde nach dem Start in Kuala Lumpur im Jahre 2014 vom Radar verschwindet – und bis auf ein paar Wrackteile, die Jahre später an verschiedenen ostafrikanischen Küsten angespült werden, auch nicht mehr gefunden wird. Dass die beiden Antigeschichten dann doch über einzelne Daten und Ereignisse erzählt und aufgerufen werden können, dass sogar  die nichtdarstellenden, musizierenden Darsteller für Momente Stationen dieser Erzählung verkörpern, ja, dass auch das, was parallelisiert werden soll, kaum eine strukturelle Gemeinsamkeit aufweist, ist nicht wirklich ein Problem, im Gegenteil.

Die Demenzgeschichte verläuft ganz anders, als die Metaphern eines leisen Verschwindens suggerieren, denen zufolge Menschen in eine Nacht hinein verstummen, sich reduzieren und schließlich auflösen; sondern eher dramatisch, aufgeregt, ereignisreich und nicht selten ausgesprochen komisch. Rund um das Flugzeug passiert dagegen acht Jahre fast nichts. Die Hartnäckigkeit, mit der chinesische Hinterbliebene das Personal der malaysischen Botschaft in Beijing nerven, indem sie jahrelang immer wieder fragen, ob es etwas Neues von dem Flugzeug gibt, bleibt fast das Einzige, das sich erzählen lässt.

Ja, und die einzige, eigentlich ziemlich naheliegende Parallele wird verschenkt: Wahrscheinlich, da ist man sich ja mittlerweile ziemlich einig, war der ältere Pilot der Verantwortliche der Katastrophe, eine suizidale Megalomanie, die sich punktuell mit einigen Momenten des Altersgrößenwahns in der anderen Geschichte in Beziehung hätte setzen lassen können. Doch bald geht auf, dass die beiden Plots oder Themen zueinander eher wie wechselseitige Hintergründe funktionieren, wie irregulär überlappende Formen der Überforderung für Mitleidende und Hinterbliebene, deren Gemeinsames dann am ehesten die lange Dauer, ja Formlosigkeit der Katastrophen ist, keine parallelen Ereignisse. In acht Jahre ist die zweieinhalbstündige Aufführung gegliedert.

Natürlich dominiert bald das Schicksal des alten Mannes, der ungefähr am selben Tag, als das Flugzeug verschwand, vier fast gleichlautende Geburtstagspostkarten an seinen Enkel verschickte, erstes Anzeichen, dass etwas nicht mehr stimmt. Doch was nun folgt, wirkt eher wie eine Steigerung der Lebensgeister und der Widerstandskraft dieses Mannes, der sein ganzes Leben ein in jeder Hinsicht engagierter und aktivistischer Charakter gewesen sein muss. Sein Problem ist nicht, dass er sich verliert, wie andere Demente, oder unkommunikativ verstummt: Er hält seine Festtagsreden immer noch selbst und ohne Skript, schwungvoll und auswendig, nur leider dreimal hintereinander wortgleich. Behauptungswille, Fassadenintelligenz und schwindende kognitive Kräfte schaukeln sich gegenseitig hoch; es kommt zu häuslichen Desastern und Krankenhausaufenthalten, man hat ihn schon aufgegeben. Doch im Pflegeheim sind die Lebensgeister wieder da. Nun hält er sich, im früheren Leben anscheinend so etwas wie ein linker Kirchenmann, ein 68er-Theologe, für den Leiter der Klinik und ist fröhlich dabei, das Personal zu befördern oder auch zu entlassen, wenn nötig. Auf Spaziergängen mit seinen Verwandten hat er gleich die ganze Siedlung gebaut, die gerade durchmessen wird. Schließlich ein neues Maximum seiner demiurgischen Potenz: «Die Ostsee verdankt ihr mir auch.» 

Derweil horchen die Musiker in sich hinein. Der indische Ozean bleibt stumm. Und die zahlreichen Signale, die das Flugzeug nach seinem Verschwinden noch von sich gegeben hat, ergeben keinen Sinn. Die Musik legt vielleicht Strudel nahe, gigantische und geduldige Strömungen und Drifts. Jahrelang passiert fast nichts. Das Quintett, das einen Teil des Zafraan-Ensembles ausmacht, spielt eine hochdefinierte und gleichwohl fast genrefreie Kammermusik – diese Leute sind auf neue Musik ebenso wie auf gehobenen Indierock spezialisiert, gastieren bei Notwist, helfen Max Raabe oder führen Enno Poppe auf. Ihre Hauptrolle hier beschränkt sich nicht auf die der lebenden Bilder. 

Zu Beginn kann man noch glauben, dass nahezu programmmusikalisch ein zur Startbahn rollendes und dann beschleunigendes, schließlich abhebendes Flugzeug mit den Mitteln eines aktualisierten Minimalismus klanglich nachgezeichnet werden soll. Später fehlen solche Übersetzbarkeiten, man assoziiert aber weiterhin, einmal auf die Fährte gesetzt, Realien, durchaus gestaltreich, aber in ein Nichts hinein oder in wortlose Affekte. 

Barbara Morgenstern hat die Musik geschrieben und die Aufführung geleitet, eine aus der Berliner Elektronikszene der Nuller Jahre nicht wegzudenkende Stilistin, die aber auch als Sängerin/Songwriterin und Leiterin des Chors der Kulturen der Welt hervorgetreten ist – mit Rimini Protokoll arbeitet sie auch schon seit gut zehn Jahren an unterschied -lichen Projekten und in unterschiedlichen Funktionen zusammen.

Nachdem man einmal darauf geeicht ist, in dieser Theatermusik im besten Sinne Anspielungen auf Geschehen und Verläufe zu erlauschen, findet man immer wieder etwas, wie abstrakt und abgeklärt oder auch kurzfristig affektiv und physisch die Klänge auch daherkommen mögen. Man wird in eine Programmmusik ohne Programm geführt – die tatsächlich bestens zu den Entleerungs- und Verlustgeschichten passt, die erzählt werden. Die konstatierende elegante Prosa, mit der das Schicksal anhand von Begegnungen, Anekdoten und Krankheitsdaten wiedergegeben wird, ergibt zusammen mit der Musik eine Atmosphäre melancholischer Sachlichkeit, die ein wenig an Robert Ashleys Opern erinnert – aber ohne deren stilistische Einheitlichkeit. Die Längen, die vor allem dadurch entstehen, dass es in Sachen verschwundenes Flugzeug nun so gar nichts mehr zu sagen gibt, werden musikalisch auch durch Brüche, Exkursionen aufgefangen: Das verlässlich vitale, aber zarte Vibrafon wird etwa durch ein rüderes Rock-Schlagzeug ersetzt.

Einen entropischen Vorgang zu beschreiben, trotzt diesem immer ein wenig negentropische Form ab, zu unser aller Trost. Das ist banal und auch vergeblich und dennoch legitim: Wer wüsste das besser als diese Hauptfigur, die für alle möglichen zukünftigen gesundheitlichen Stadien seiner Person, spätere Indisponiertheiten antizipierend, Wünsche und ethisch begründete Forderungen formuliert hatte – seine eigenen, hier zitierten Texte  tragen ihren Teil zur Qualität der Sprachebene des Stückes entscheidend bei. Dass man diese vergeblichen Versuche der Kontrolle, der Repräsentation dennoch zu einer Inszenierung hochwuchten kann, einer dramatischen Erzählung von Ende und Zerfall, dem nichts von den klassischen Nihil-Genres seit Beckett und Tarkowski anhaftet, ist erstaunlich: ein Verschwinden, das auf ganz andere globale Ereignishorizonte abhebt als die Todesängste von vor 50, 75 Jahren – ohne sich ganz von ihnen lösen zu können. Denn die auch schon von Beckett mit Buster Keaton geteilte Diagnose, dass – weil wir unser Verschwinden eben nicht beherrschen (können) – eine angemessene Darstellung unseres Vergehens nicht ganz ohne Slapstick zu haben ist, bleibt auch an diesem Abend gültig.

NÄCHSTE VORSTELLUNGEN: 
All right. Good night, keine Vorstellungen im Februar 
www.rimini-protokoll.de


Theater heute Februar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Diedrich Diederichsen

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