Mehr Schein als Sein
Bonn Park findet «Mash-ups von Genres und Stilen interessant» und inszeniert mit «Der Phönix aus der Währung» am Theater Basel ein pseudofranzösisches Barock-Oper-Komödien-Utopie-Promi-Legendenmärchen. Oder, wie es im Untertitel etwas verkürzt heißt, einen «Finanzthriller mit Musik und Gesang». Am augenfälligsten der Barock. Sina Manthey hat für die Schauspieler opulente Kostüme entworfen, mit Schleifen und Raffröcken und weiten Beinkleidern. Fabian Krüger trägt eine Lockenpracht auf den Schultern spazieren, dass jedem goldglitzerig vor Augen wird.
Das geschwungene Bühnenbild von Julia Nussbaumer wimmelt von Schnörkeln, Säulen, Wandgemälden und Büsten. Der Überschwang feiert fröhliche Urstände, jedenfalls im Schein. Vorne am Rand ein sechsköpfiges Barockorchester inklusive Cembalo und Theorbe, das vor allem den Anfang in eine Oper verwandelt (Komposition Ben Roessler), barockisierte Popsongs inklusive.
Es spielt in einer hybriden Zeit, irgendwo zwischen Barock, monströsen Handys und Internet. Draußen und drinnen herrscht Krise. Wer hereinkommt, schüttelt häufchenweise Asche vom Sonnenschirm und jammert über die Hitze. Denn wieder einmal ist eine Finanzblase geplatzt, parliert ...
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Theater heute 12 2022
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Valeria Heintges
Es liegt Mehltau über den Komödien unserer Tage. Ein Gefühl, dass unsere Vitalität schwindet. Die schönen Jahre der Friedensrendite sind vorüber, die billigen Kredite, das selbstvergessen unbeschwerte Wachstum. «Jetzt präsentiert uns der sogenannte Sozialismus / die Rechnung», heißt es im «Theatermacher» von Thomas Bernhard, «die Kassen sind leer / Europa ist...
Bevor es losgeht, muss ich kurz erklären: Normalerweise halten wir uns in unserer Redaktion an die Regel, dass keine älteren männlichen Kritiker über 20 bis 30 Jahre jüngere Schauspielerinnen schreiben. Paternalistisch wäre das ohnehin, da gibt es kein Entkommen, aber auch die Gefahr, in die Untiefen blümeranterer Anbetungsmetaphorik zu stolpern, ist einfach sehr...
Tiflis, Ende September 2022. Wüsste man es nicht, man ahnte es kaum: Die Straßen so voll, die Menschen heiter, Musik tönt aus den Cafés und Restaurants an der langen Fressmeile zwischen dem schicken Festivalhotel am Fluss und dem Marjanishvili Theater, dem Zentrum des Georgian Showcase 2022. Es ist Krieg in der Ukraine, die Grenze zum Aggressor Russland ist keine...
