Mannschaftsdienlicher Individualismus
Gestern war Verabschiedung. Sandro Tajouri und Sebastian Schindegger verlassen zum Ende der Spielzeit das Ensemble, beide aus persönlichen Gründen und schweren Herzens. Da standen dann nach der gestrigen Vorstellung vierzig, fünfzig Menschen auf dem Theaterhof und begrüßten die beiden johlend und mit Wunderkerzen in der Hand. Sascha von der Beleuchtung hatte einen Scheinwerfer nach draußen geschleppt und ihn auf die Hauswand gerichtet, und nachdem Jonas Steglich einen gewaltigen Glitzerregen gezündet hatte, ging das Licht an und Sarah Franke entrollte zwei Transparente von der Dachkante.
Auf dem einen stand «Gute Reise!», auf dem anderen «Wir werden euch vermissen!» Dann wurde gefeiert.
Ob es das ideale Ensemble gibt, weiß ich nicht. Ein Ensemble ist ja nichts Starres, kein festes Gebilde, sondern ein Körper, der sich immer wieder neu strukturieren und erfinden muss. Dabei spielen die Abgänge genauso eine Rolle wie die Dazustoßenden oder die Form- und Leistungsschwankungen, denen ein Spieler unterworfen ist. Manchmal ist jemand «angesagt» und steht auf jeder Besetzungswunschliste, während ein anderer eher in eine Produktion hineingeredet werden muss. Hochkomplizierte ...
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Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Der Ensemble-Konsens, Seite 81
von Lars-Ole Walburg
Wir hatten ja auch gute Jahre», sagt in Ralf Rothmanns Roman «Milch und Kohle» die Mutter der Hauptfigur Simon. Die Beckmann-Geschwister, die zu viert bzw. zu fünft eingerechnet den Sohn von Maja selbst eine schöne Rothmann-Collage entwickelten und damit vor allem rundum im Revier gastierten, hatten und haben, nehme ich an, viele gute Jahre miteinander.
Lina...
Ein Schlüsselstein der neuen Basler Dramaturgie ist Darja Stockers neues Stück. Mit «Nirgends in Friede. Antigone» befragt die Schweizer Dramatikerin einerseits das Narrativ des antiken Mythos neu, andererseits dient ihr die sophokleische Tragödie auch als metaphorische Folie, um die Herrschaftslogik der gegenwärtigen Welt- bzw. Europapolitik in Frage zu stellen....
Die Welt ist so absurd. 1,1 Millionen Euro jeden Tag in eine zukunftslose Vision zu stecken, die BER heißt, ist ein gigantischer Schildbürgerstreich, der jede Vorstellungskraft übersteigt. Mittlerweile werden darüber nur noch die Schultern gezuckt, und man will nicht weiter daran erinnert werden. Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, rechtfertigen zu müssen,...
