Man sieht alles!
Es wundert einen, dass die Leute immer noch ins Theater gehen, nach allem, was sie in der Schule durchgemacht haben.
Orson Welles
Finde ich mich in einem Theaterfoyer umringt von Menschen, die meine Kinder sein könnten, es gottlob nicht sind – hätte mein Kind auch so eine Plastikumhängetasche und würde sich unique fühlen? –, dann läuft etwas falsch. Ein Theater, in das Zwanzigjährige strömen, ist mir zutiefst unsympathisch. Vermutlich hat es den Ruf, hip zu sein, das Theater, macht Späßchen mit Rockstars und Comedians, auf jeden Fall ist es anbiedernd und abzulehnen.
Junge Menschen haben im Theater nichts zu suchen. Da geht man hin, als Kind, ins Weihnachtsmärchen, vielleicht noch als verwirrter Pubertierender, um den Schmerz der intellektuellen Qual auszukosten, in jener Zeit, als Wachsender, da man glauben mag, dass nur Bedeutung hat, was keine Freude bereitet – aber danach muss Ruhe sein. Ablehnung. Revolution. Ekel.
Kunst und Wahrheit
Theater ist für die Generation der Eltern, ist kein Kino, ist Anstrengung, unbequemes Gestühl und meist Langeweile. Junge Menschen, die sich für Kunst interessieren, sind verzogene Gören, denn Jugend und Kunst gehören nicht zusammen. In der ...
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So möchte eigentlich niemand sein: Irgendwo im biographischen Niemandsland zwischen fünfzig und siebzig, tortengeil, demnächst Wasser in den Beinen. Die eine der beiden reifen Freundinnen war wahrscheinlich einmal verheiratet und hat daran als deutlichste Erinnerung behalten, wie sie ihrem Mann die Zehennägel schneidet. Die andere hat sich lebenslang abends ihre...
Schwarz auf Weiß, das kennen wir, das kann man getrost nach Hause tragen. Doch Schwarz auf Schwarz, da kann man nichts erkennen. Auf den schwarzen Eisernen Vorhang schreibt eine schwarz gekleidete Figur etwas in großen schwarzen Buchstaben. Nur als feuchtes Glitzern liest man den Satz: «Ich bin nicht, der ich bin.» Jago ist es, der diesen Selbstverneinungsspruch an...
Während der Abspann läuft, hört man sie noch einmal, die dünne Männerstimme mit dem zittrigen Tremolo, nüchtern, kein bisschen sentimental, dafür aber mit einem Rest Angriffslust in der abgeschnürten Kehle. So wie zuvor schon den «Wegweiser» und den «Leiermann», singt Josef Bierbichler das Lied «Die Nebensonnen» aus Franz Schuberts und Wilhelm Müllers «Winterreise»...
