Männer!

Shakespeare «Der Kaufmann von Venedig» (Schauspielhaus Dresden)

Theater heute - Logo

Zwölf Männer, halbnackt, in schwarzer Einheitsunterhose, eingesperrt in einen mit schwarzem Tuch ausgeschlagenen Innenhof. Fast alle sind jung, athletisch, zart. Sie befühlen und liebkosen sich. Dieses Venedig ist ein Knabeninternat. Und Internate taugen nicht für Idyllen. Also steht da plötzlich einer, den sie abstoßen, aus unerfindlichen Gründen. Ein kräftiger Kerl. Vielleicht ist er zu spröde für den zarten Jünglingsreigen. Egal, ihn wollen sie leiden sehen. Aus gruppendynamischem Prinzip. So beginnen die Verwirrungen des Zöglings Shylock.



Das Männerensemble ergeht sich lustvoll in Travestien, witzelt das Publikum an, kokettiert mit gayer Libertinage. Das Wort «Jude» klingt in diesem Milieu wie ein verhuschtes «Opfer» auf dem Schulhof. Harmlos für alle, nur nicht für denjenigen, der nicht mit gleicher Zunge antworten kann: der ewige Bankdrücker Shylock. Kein Wunder, dass so einer die erstbeste Chance ergreifen will, es dem anmutigen Klassenprimus Antonio (Christian Erdmann als Kaufmann von Venedig) heimzuzahlen. Mit einem vertraglich zugesicherten blutigen Schnitt in die bildschöne Brust.

Fraglos ist es eindrucksvoll, wie der kräftige Matthias Reichwald seinen Shylock hier zum ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2011
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
Ein g’standenes Weibsbild

Wieder ein Abschied – diesmal für immer. Bei der Premiere von Dieter Dorns jüngster Inszenierung spielte sie noch mit – als Kunigundens alte Tante in Kleists «Käthchen von Heilbronn». Als sich das legendäre Dorn-Ensemble dann Ende der Spielzeit ein letztes Mal auf der Bühne des Bayerischen Staatsschauspiels versammelte, um sich darauf in alle Winde zerstreuen, war...

Die kulturelle Wunderwaffe

Der «bedeutendste Theatermann der Schweiz», als den Thomas Blubacher den langjährigen Zürcher Theaterdirektor Oskar Wälterlin in seiner Biografie beschreibt, ist Wälterlin weder zu seinen Lebzeiten noch vor 50 Jahren gewesen, als ihm das in so manchem Nachruf attestiert wurde; allenfalls war er, wie ihn Rolf Liebermann aus Opernintendantensicht titulierte, «die...

Dr. Stockmanns Erben

Was wäre, wenn sich der als «Volksfeind» geächtete Dr. Stockmann durchgesetzt hätte? Wie sähe ein Staat aus, in dem Platons Ideal der menschlichen Auslese konsequent umgesetzt würde? Robert Schusters Bremer Inszenierung, die sich im Untertitel «Ein Ritus der Erinnerung» nennt, zeigt Ibsens Anti-Demo­kratie-Farce als Blick zurück aus einer fernen Zukunft. Während...