Mach mich nass!
Eine schmucke kleine Hochzeitsgesellschaft, vielleicht irgendwo auf dem Balkan, wo das legendäre Illyrien liegen soll, vielleicht auch bloß beim Griechen in Bochum-Stiepel. Die Braut trägt Weiß, der Vater des Bräutigams packt langen Unsinn in eine kurze Rede, der Kellner ist nervös, der Bräutigam gibt sich Mühe, nett zu sein. Bis dahin ist alles korrekt (abgesehen davon, dass man im falschen Stück zu sein glaubt). Dann aber geschieht Sonderbares. Die Braut gießt ihr Weinglas voll bis zum Überlaufen, wirft dem Bräutigam Sahne ins Gesicht, tickt aus.
Roger Vontobel lässt in einem frei erfundenen Vorspiel einige Shakespeare-Verse zitieren, aber auch (beiläufig) Lars von Triers Film «Melancholia», wo die Braut auf einem mondänen Hochzeitsfest in großem Stil in die Depression entgleitet. Es geht in dieser Aufführung nun sehr rabiat zur Sache. Die Braut verschwindet kurz und kehrt mit einem Feuerwehrschlauch zurück, spritzt die Gesellschaft samt Bräutigam einfach weg. Das ist kein neckisches Spielchen mehr, auch keine bizarre Pointe, sondern ein Akt der Gewalt.
Jana Schulz zwischen den Polen
Die widerspenstige Braut verwandelt die Bühne (Claudia Rohner) mit ihrem Schlauch in ein Meer und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 30
von Martin Krumbholz
Der Punk ist ein tragischer Parasit; er schnorrt den an, den er eigentlich verachtet: den Bürger. In Oliver Klucks neuem Stück, das freilich ohne brennende Mülltonnen und gepiercte Oberlippen auskommt, steckt das Punkige allein in der Machart: Der Schnorrer ist der Autor selbst, und der, dem er auf die Pelle rückt, ist Stefan Aust.
Der Spiegel-TV-Gründer tritt bei...
Freies Theater» war mir lange eine eher Beklemmung auslösende Kategorie aus der Vergangenheit. Ich denke vor allem zurück an viel Unfreiwilligkeit. An Instandbesetzung und Beharrungsvermögen, an sehr lokale Phänomene unterhalb des Tellerrands, an basis–demokratische Gruppen mit der charmant-militanten Ausstrahlungskraft von Stadtteil- und Soziokulturprojekten. War...
Die Gehilfin räumt auf. Es soll ja alles spurenfrei und sauber sein für «Die Unter–richtsstunde» im Theater Basel. Eine frische Schülerin läutet. Schnell den Tisch gewischt, eine herrenlose Tasche in die Truhe gepfeffert, die alten Formeln auf der Tafel ausgelöscht, das Transistorradio in der Schürze abgewürgt. Schon stiefelt die Haushälterin (Nikola Weisse) zur...
