Luft holen, weiter atmen
Dramaturg:innen und Regisseur:innen haben eine große Gestaltungsfreiheit, wenn es darum geht, wer in den Texten von Elfriede Jelinek gerade spricht und wie man das ausgestalten könnte. In «Sonne/Luft» ist das im ersten Teil etwas anders, schließlich ist ganz klar: Hier spricht eine allwissende Erzählerin, die wie eine anthropomorphe Supernova festgeschraubt im Zentrum eines planetarischen Systems sitzt und sich menschenähnlich verhält.
Das glutvolle Zentralgestirn kann arrogant wütend und machtvoll anmaßend sein, es ist aber auch eine galaktische Superwoman oder interstellare Medea, die dem milliardenfachen Menschengewimmel, das so hysterisch tut, als könne es mal kurz die Welt retten, unmissverständlich zu verstehen gibt, dass es die Rechnung ohne die Wirtin da oben macht. Schließlich könnte sie jederzeit alles da unten verbrennen und die Apokalypse lächelnd genießen: «Für die Fruchtbarkeit bin ich schon auch zuständig», die aber «macht nicht soviel Spaß, die dauert mir zu lang. Ich bin ungeduldig, ich bin in Hitze.»
Nachdem die Sonne auf etwas mehr als zwanzig Seiten klar gemacht hat, dass da eine didaktisch geschulte Mephistofela am Werk ist, zieht das feuerspendende ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2024
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Jürgen Berger
Pläne der Redaktion
Tumult im Burgtheater (Foto oben) bei der Uraufführung von Thomas Bernhards «Heldenplatz» 1988: Ob Frank Castorf bei seinem Nachspiel auch schafft, was Claus Peymann damals gelang?
Ihre Vorgängerin Iris Laufenberg ging danach ans Deutsche Theater Berlin. Jetzt hat Andrea Vilter das Karrieresprungbrett Schauspielhaus Graz übernommen: der Neustart
...Ich musste die Tür zum Gang schließen», erklärt ein Bruder seiner Schwester in Julio Cortazars fantastischer Erzählung «Das besetzte Haus». «Sie haben den hinteren Teil übernommen.» Abgeschieden und allein lebt das Geschwisterpaar in einem alten Haus, das sie mit ihren Eltern und ihrer Kindheit verbindet, als plötzlich dunkle Mächte eindringen, das Haus nach und...
Als Elisabeth Trissenaar und Hans Neuenfels Anfang der Achtziger, damals schon seit bald zwanzig Jahren ein Künstlerlebenspaar, ans Westberliner Schillertheater kamen, eroberte «die Trissenaar» die schaubühnenverwöhnte Mauerstadt mit einer überrumpelnden Doppelgesichtigkeit: als weißgewandete und traumschön gelockte Iphigenie samt edlem Gesten- und...
