Lost on Stage

Moderne Klassiker in Corona-Zeiten: Brechts «Im Dickicht der Städte» in Oberhausen und ein Zürcher «Schwestern»-Monolog

Knarr, quietsch. Die Tür klingt wie seit 100 Jahren nicht geölt, das Licht schummert nur düster durch die klapprige Dekoration (Robert Kraatz). Gargas Leihbibliothek und die «Dickicht der Städte»-Bühne sieht aus wie eine rumpelige Gespenster-Kammer mit unübersichtlichen Räumen, Gängen und Nischen. Nicht minder schemenhaft seine Bewohner: Glatte Masken nehmen jeden individuellen Ausdruck, verwandeln die Schauspieler*innen in hochmotorische Spielpuppen, die wie aufgezogen aus Türen und Ecken auftauchen.

Nur in sehr persönlichen Ausnahmemomenten werden sie später ihre Gesichtsschablonen ablegen und wenigstens Momente alltäglicher Nähe und Nachdenklichkeit zulassen. Seltsamerweise verkündet eine Neonleuchtreklame im Hintergrund «Entdramatisierung»; aber dazu gleich. 

Die Strichfassung ist zunächst auf die Hauptplotpoints eingedampft: Der bitterarme George Garga (Henry Morales) im schmutzigen Feinripp-Unterhemd ist mit Familie vom Land in die Großstadt Chicago gezogen und erlebt dort sein frühmodernes Elend. Er führt ein prekäres Arbeiterleben, lebt aufopferungsvoll für seine Familie und leistet sich Ansichten, sprich Werte. Der malaiische Holzhändler Shlink (Klaus Zwick) schneit wie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 46
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Kino im Schrumpfformat

Im letzten Jahr hatten sie es noch haarscharf geschafft: Knapp bevor die erste Welle der Pandemie sämtliche kulturellen Aktivitäten hinwegspülte, ging Carlo Chatrians und Marietta Rissenbeeks erste Berlinale mit allem Drum und Dran über die Live-Bühne, deutlich zurückhaltender und ästhetisch herausfordernder allerdings, als man es von Vorgänger Dieter Kosslick...

Der Zeuge

Erst auf Seite 125 fällt zum ersten Mal ein Wort, das nach Thomas-Bernhard-Sprache klingt. Das hat es dann aber gleich in sich: «Gesellschaftsunvereinbarkeit». Damit trifft Peter Fabjan, der jüngere Halbbruder des Schriftstellers und dessen lebenslanger Begleiter, nicht nur Bernhard, sondern auch sich selbst: «Wir leben in Parallelwelten mit unterschiedlicher...

Der Damm ist gebrochen

Als das Corona-Virus im März 2020 das kulturelle Leben in Polen nahezu lahmlegte, sahen sich die Theater nicht nur mit der Herausforderung ihres ökonomischen Überlebens konfrontiert, sondern sie mussten sich auch einer anderen Krise stellen, die bereits vier Monate zuvor ihren Anfang genommen hatte. Der Auslöser war das Bekanntwerden einer Reihe von übergriffigen...