Liebeswahn am Durstlöscher
Ein laut lachendes Großmaul mit unverschämt weit herausgereckter Zunge mitten im Stadtpark zu Dessau. Links die Imbissbude «Durstlöscher», rechts ein Touristen-Wohnmobil. Dazwischen rast das Sommerspektakel (Ausstattung: Christian Wiehle) zum großen Finale der ersten Spielzeit des Anhaltischen Theaters unter neuer Direktion. André Bücker präsentierte eine hier bislang ungewohnte Vielfalt der Formen und Themen.
Und trotz des finanziellen Dauerdrucks gingen die zahlreichen, oft aufwändigen, also selbstausbeuterischen Unternehmungen weitgehend glückhaft über die Bühne(n) der begeisterten, von Deindustrialisierung und Abwanderung so schwer gebeutelten Stadt.
Also ein grellroter Lachmund. Mit gebleckter Zunge als Laufsteg, über dem in Glitzerschrift «Heart’s Fear» steht, was wie «Hartz IV» klingt. Und der Gesangswettbewerb «Goldener Mund 2010», der da über die Laufsteg-Zunge dröhnt und piepst, ist auch danach: ein Trashformat als hochkomische Parodie gängiger TV-Song-Contests. Und zugleich der herzige Start in die Dessauer Freilicht-Show, bei dem die schmissige Schnulzen-Band, ein schmieriger Showmaster Cyprian (Matthieu Svetchine) sowie die beiden Supersternchen Helen (Katja Sieder) ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.» Das sagt man so, wenn man sehr traurig ist. Aber auf Christoph Schlingensief bezogen ist dieser Satz, den Elfriede Jelinek unmittelbar nach seinem Tod äußerte, mehr als vage Trauerprosa, die man hinschreibt, um seine Betroffenheit zu zeigen. Vielleicht verkörperte er tatsächlich das Leben. Umfassender als die meisten...
«Altendorf ist da, wo es anfängt, nach Döner zu riechen. In Altendorf kann jeder Tag dein letzter sein.» Sätze wie diese schleudern die Jugendlichen zur Begrüßung Richtung Publikum und stellen dann nüchtern fest: «Altendorf ist da, wo ihr nie hingeht.» Stimmt. Selbst wenn man nur wenige Kilometer entfernt wohnt, kommt man hier nicht hin. «Dicht besiedelt und...
Seht euch diese Augen an, riesige Puppenaugen, die schläfrig, mild und traurig in die Welt blicken. Sie schauen aus riesigen Schwellköpfen, die die Figuren aus Lukas Linders «Die Trägheit» tragen, so dass der Rest ihres Körpers unverhältnismäßig klein und putzig wirkt, wenn sie etwa mit den Händen in die Luft greifen oder die Beinchen regen. Menschen am Rande des...
