Liebe, Tod, Konzepte und 76 Männer
Eine Kleinfamilie aus dem süddeutschen Raum steht in der Pause vor dem Landestheater und hält einen kleinen Familienrat ab. Mama will heim, Papa mag noch bleiben, und die etwa 20-jährige Tochter im Salondirndl klagt über Langeweile. Da gibt ihr die Mutter einen Ratschlag, den man in Marmor meißeln und in allen Theaterfoyers anbringen sollte: «Man muss wirklich ernsthaft zuhören, was die sagen – sonst hält man’s gar nicht aus!»
Willkommen bei den Salzburger Festspielen.
Wir befinden uns in der ersten von zwei Pausen der Großveranstaltung, mit der das Schauspielprogramm in diesem Sommer eröffnet wurde: Andrea Breth inszenierte Dostojewskis «Verbrechen und Strafe», wobei die Produktion eine etwas komplizierte Entstehungsgeschichte hatte. Angekündigt war die Inszenierung ursprünglich unter dem guten alten Titel «Schuld und Sühne» und in einer Fassung des bulgarisch-österreichischen Autors Dimitré Dinev (dem, neben Nobelpreisträger Orhan Pamuk, in diesem Jahr die Festspielreihe «Dichter zu Gast» gewidmet war). Aber der Dramatiker und die Regisseurin fanden nicht zueinander, und irgendwann – die Spielplanhefte waren längst verschickt – wurde bekanntgegeben, dass Breth lieber selbst eine ...
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Theater heute Oktober 2008
Rubrik: Festivals/Aufführungen, Seite 24
von Wolfgang Kralicek
Auf den ersten Blick: Das gute Zimmermannshandwerk soll es also richten. Johan Simons hat seine «Vergessene Straße» aus Sperrholz quer in die Jahrhunderthalle Bochum gebaut, gut zwanzig Meter lang. Betont karge Häuserfronten, die teils wie Schiebetüren zu handhaben sind, bieten sich den Publikumstribünen zu beiden Seiten dar. Nach oben schließt die Straße durch...
Weit entfernt in der Dämmerung tapern Figuren übers brache Land, kommen zueinander und verlassen sich, kaum erkennbar erschlägt da wer wen, andere haben Sex (sieht nicht einvernehmlich aus), hier und da meint man, den Faden einer brutalen, aber völlig stummen Geschichte in die Hand zu bekommen, greift daneben oder hält ihn kurz, bevor er durch die Finger rutscht...
Die Hörspiel-Version von Kehlmanns Romanerfolg war nur eine Frage der Zeit. Vor allem aber war sie eine Frage des Wie. Denn die Verzahnung des nach Amerika reisenden Weltforschers Humboldt mit dem Leben des Provinzprofessors Gauß bewirkt ihr erzählerisches Tempo durch ein raffiniertes Stilmittel. Der Autor balanciert zwischen indirekter Rede und Figurensprache, die...
