Leipzig Schauspiel: Der Berg ist aus den Fugen
Wenn sich alles nach Epochenwende anfühlt und doch bewegt sich nichts vor und nichts zurück, dann lässt die Kunst gern den Schnee rieseln und kehrt in Zauberbergwelten ein, um in die große Kristallkugel der eingefrorenen Zeit zu blicken. So auch in diesem Corona-Interim, da man dächte, jetzt müsste der Schuss vor den Bug doch irgendwie gehört worden sein, jetzt, da Viren munter von Tier zu Mensch springen und die planetaren Grenzen rasend näher rücken. Aber alles kreist und kreist, zurück in abgehalfterte Wachstums-Routinen.
«Es ist immer die gleiche Leier», heißt es schon im Einstieg dieses Leipziger Saisonauftakts. «Winterreise» ist er gleich doppelt überschrieben: für eine Kombination aus Schuberts «Winterreise» und Elfriede Jelineks gleichnamiger Schubert-Variation. Der Liederzyklus, komponiert 1827 im Schatten der Restauration in Deutschland, trifft auf seinen dichterischen Nachklang von 2011, in den Jelinek gewohnt wortlawinenreich die Finanzkrise, das Aufkommen der sozialen Medien und viele Reflexionen über Zeit und Todesnähe eingelassen hat.
Schnee fällt also, hinter einem Gazevorhang, auf die imposante Bühne, die Etienne Pluss ins Leipziger Schauspielhaus gebaut hat: Ein ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Christian Rakow
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