Das radikal Zeitgenössische
Ich hasse gute Ideen» war einer ihrer apodiktischen Sätze. Deshalb standen in Frie Leysens Programmen die Künstler*innen in ihrer Besonderheit, ihrer jeweiligen inhaltlichen und stofflichen Radikalität und ihrem eigenen Kosmos für sich. Sie wurden nicht eingebunden in «eine gute Idee» oder ein Konzept. Fries entschiedene persönliche Haltung war die Programmatik, ihr Interesse an radikaler Zeitgenossenschaft und Unterschiedlichkeit der Formen. Genauso wenig wie «gute Ideen» mochte sie Kunst-Dogmatismus.
Sie gab den verschiedensten großen und kleinen Formen, Formaten und Genres die gleiche Geltung. «Ich appelliere an die Toleranz der Vielfalt. Wenn wir nur eine Kunstform gelten lassen, haben wir echt ein Problem».
Das schnelle Abchecken und Einsammeln war auch nicht ihre Sache. Als wache, engagierte und kritisch zugewandte Begleiterin von Prozessen wollte sie sich nicht nur die Ergebnisse ansehen, sondern die Prozesse der Arbeit wahrnehmen. Deshalb reiste sie dahin, wo die Künstler*innen lebten und arbeiteten, saß unangekündigt auf einer Probe in einem entlegenen Stadtteil, suchte und fand das Gespräch und den Austausch. Sie wollte das Davor und Danach verstehen und was einen ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Nachruf, Seite 40
von Stefanie Carp
Ein Gerichtssaaldrama in historischen Kostümen, wo gibt’s denn so was heute noch? In England, wo sonst: Anfang des Jahres wurde am National Theatre in London genau so ein Stück uraufgeführt. Die englische Dramatikerin Lucy Kirkwood, 36, bringt in «The Welkin» eine so genannte «Matronenjury» auf die Bühne; ein juristisches Instrument aus dem Mittelalter, das auf der...
Die Bühne leer, der Zuschauerraum zu einem Drittel besetzt: Premieren in Corona-Zeiten. So sieht es auch zu Beginn beim «Geizigen» aus, Leander Haußmanns Bubenstück fürs Hamburger Thalia Theater, fünf Wochen lang per Zoom geprobt, bevor es auf die Bühne ging. Auf der jetzt geküsst und gestritten wird im gebotenen Mindestabstand von 1,50 m. Und lange vor allem...
Wenn sich alles nach Epochenwende anfühlt und doch bewegt sich nichts vor und nichts zurück, dann lässt die Kunst gern den Schnee rieseln und kehrt in Zauberbergwelten ein, um in die große Kristallkugel der eingefrorenen Zeit zu blicken. So auch in diesem Corona-Interim, da man dächte, jetzt müsste der Schuss vor den Bug doch irgendwie gehört worden sein, jetzt, da...
