Das radikal Zeitgenössische
Ich hasse gute Ideen» war einer ihrer apodiktischen Sätze. Deshalb standen in Frie Leysens Programmen die Künstler*innen in ihrer Besonderheit, ihrer jeweiligen inhaltlichen und stofflichen Radikalität und ihrem eigenen Kosmos für sich. Sie wurden nicht eingebunden in «eine gute Idee» oder ein Konzept. Fries entschiedene persönliche Haltung war die Programmatik, ihr Interesse an radikaler Zeitgenossenschaft und Unterschiedlichkeit der Formen. Genauso wenig wie «gute Ideen» mochte sie Kunst-Dogmatismus.
Sie gab den verschiedensten großen und kleinen Formen, Formaten und Genres die gleiche Geltung. «Ich appelliere an die Toleranz der Vielfalt. Wenn wir nur eine Kunstform gelten lassen, haben wir echt ein Problem».
Das schnelle Abchecken und Einsammeln war auch nicht ihre Sache. Als wache, engagierte und kritisch zugewandte Begleiterin von Prozessen wollte sie sich nicht nur die Ergebnisse ansehen, sondern die Prozesse der Arbeit wahrnehmen. Deshalb reiste sie dahin, wo die Künstler*innen lebten und arbeiteten, saß unangekündigt auf einer Probe in einem entlegenen Stadtteil, suchte und fand das Gespräch und den Austausch. Sie wollte das Davor und Danach verstehen und was einen ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Nachruf, Seite 40
von Stefanie Carp
La Rentrée: Das bedeutet in Frankreich Schulbeginn, Spielzeitstart, Verlagstermin für die Neuerscheinungen im Herbst. Heuer diskutiert «le Tout-Paris» aber weniger über den neuen Carrère oder die neue Nothomb, sondern – nebst Corona und den Folgen – vor allem auch über ein Thema, das seit den Sommerferien Scholle für Scholle eines gigantischen hässlichen Eisbergs...
Selten so einen muffeligen Dorfrichter Adam gesehen: keine Pirouetten auf der spiegelglatten Glatze, kein Brandauer-artiges heiteres Pointenschnappen, kein Großkomödianten-Rüsseln im Rollenfuttertrog. Werner Wölbern hat sich sogar die legendäre Glatze versagt, jenes untrügliche Dorfrichter-Signal für den bei Kleist im Grunde keineswegs unsympathischen Schwerenöter,...
Alexander Scheer ist praktisch nicht wiederzuerkennen. Ungewaschener Bart, verlebte Haut. Die Kapuze seines Mantels fällt ihm tief ins kajalverdunkelte Gesicht, nur gelegentlich blitzen blaustechend seine Augen hervor. Ein finsterer Geselle, der mit seinem Fingernagel Blechbüchsen öffnen kann. Wie er da in den ersten Minuten von «Hausen» als Obdachloser dem...
