Lehrstück ohne Lehre
Kassandra ist eine Metapher. Das Stück handelt nicht vom Trojanischen Krieg, sondern vom Schicksal afrikanischer Boat People, die unter Lebensgefahr die Flucht nach Europa wagen. Der Name im Titel meint keine bestimmte Figur, sondern ein Phänomen: Es gibt Situationen, in denen Aufklärung zwecklos ist, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Kassandra hat bei Kevin Rittberger viele Gesichter. Zum Beispiel das einer Dokumentarfilmerin, die für die EU Filme über gescheiterte Fluchtversuche produziert, um damit potenzielle Immigranten abzuschrecken.
Kassandra ist aber auch eine Dolmetscherin, die Missstände in einem griechischen Asylheim aufzeigt und damit alles nur noch schlimmer macht: Das Heim wird geschlossen, die Flüchtlinge werden nach Libyen abgeschoben.
Stück und Aufführung zerfallen in zwei Hälften. Zuerst wird in Brecht-Form («Das Lehrstück von Blessings Tod») die Geschichte einer Afrikanerin erzählt, die es nach jahrelanger Odyssee endlich ins Boot nach Spanien schafft – und bei der Überfahrt ebenso umkommt wie ihre Kinder. Im zweiten Teil treten europäische Gutmenschen auf den Plan, deren Engagement zum Teil fatale Konsequenzen hat.
Die Uraufführung im Schauspielhaus beginnt mit ...
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