Laues Lüftchen
Jean Genets Reaktion auf die Uraufführung 1957 am Londoner Arts Theatre legt nahe, dass Peter Zadek damals ziemlich prall und heftig inszeniert haben muss. Der Regisseur, so Genet, habe weder den Geist noch den Text des Stückes geachtet, und überdies erwecke die Inszenierung den Eindruck, er, also Genet, «sei ein Skandalmacher und Pornograf». Donnerwetter, kann man da nur sagen und sich nicht wirklich vorstellen, wie Zadek die zum Teil drastischen Regieanweisungen, die Genet seinem «Balkon» mit auf die Reise gegeben hat, tatsächlich überboten haben soll.
Eine andere Frage ist, warum sich dieses mit gesellschaftlichen Rollen und historischen Umbrüchen spielende Stück derzeit in diversen Spielplänen wiederfindet. Nach dem Auftakt mit einem Festival der Zweitinszenierungen ist «Der Balkon» die erste größere Premiere des neuen Heidelberger Schauspiels. Von Regisseurin Claudia Bauer darf man annehmen, dass sie sich die Frage gestellt hat, was sie an diesem Stück interessiert, in dem die Gäste eines Bordells sich gemäß ihren geheimsten Wünschen kostümieren und einem vor dem Bordell tobenden Volksaufstand ausgesetzt sind.
Andererseits: Braucht es einen Grund, um sich einem Text zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Jürgen Berger
Lässt die französische Hausfrau ihrem Unmut freien Lauf, wissen die Kinder, dass sie sofort ihr Zimmer aufräumen müssen. Immerhin hat die Mama mit ihrem «Oh, le bordell» einen Zustand der größtmöglichen Unordnung markiert, den sie nicht mehr länger zu dulden gewillt ist.
In etwa so ist es auch in Shakespeares «Maß für Maß» und Jean Genets «Der Balkon», die jetzt in...
im Februar 2011 haben wir in einer ausführlichen Umfrage nach Ihren Eindrücken und Verbesserungsvorschlägen für «Theater heute» gefragt. Der Rücklauf war doppelt überwältigend. Fast 1000 Antworten auf lange Fragebögen – so viel Zeit und Aufwand allein beweisen, was Ihnen diese Zeitschrift wert ist. Und die überwältigende Zustimmung zu den redaktionellen Inhalten,...
Eine schmucke kleine Hochzeitsgesellschaft, vielleicht irgendwo auf dem Balkan, wo das legendäre Illyrien liegen soll, vielleicht auch bloß beim Griechen in Bochum-Stiepel. Die Braut trägt Weiß, der Vater des Bräutigams packt langen Unsinn in eine kurze Rede, der Kellner ist nervös, der Bräutigam gibt sich Mühe, nett zu sein. Bis dahin ist alles korrekt (abgesehen...
