Laues Lüftchen

Jean Genet «Der Balkon» in Heidelberg

Theater heute - Logo

Jean Genets Reaktion auf die Uraufführung 1957 am Londoner Arts Theatre legt nahe, dass Peter Zadek damals ziemlich prall und heftig inszeniert haben muss. Der Regisseur, so Genet, habe weder den Geist noch den Text des Stückes geachtet, und überdies erwecke die Inszenierung den Eindruck, er, also Genet, «sei ein Skandalma­cher und Pornograf». Donnerwetter, kann man da nur sagen und sich nicht wirklich vorstellen, wie Zadek die zum Teil drastischen Regiean­weisungen, die Genet seinem «Balkon» mit auf die Reise gegeben hat, tatsächlich überboten haben soll.

 

Eine andere Frage ist, warum sich dieses mit gesellschaftlichen Rollen und historischen Umbrüchen spielende Stück derzeit in diversen Spielplänen wiederfindet. Nach dem Auftakt mit einem Festival der Zweit­inszenierungen ist «Der Balkon» die erste größere Premiere des neuen Heidelberger Schauspiels. Von Regisseurin Claudia Bauer darf man annehmen, dass sie sich die Frage gestellt hat, was sie an diesem Stück interessiert, in dem die Gäste eines Bordells sich gemäß ihren geheimsten Wünschen kostümieren und einem vor dem Bordell tobenden Volksaufstand ausgesetzt sind. 

Andererseits: Braucht es einen Grund, um sich einem Text zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Jürgen Berger

Weitere Beiträge
A-Cappella aktuell

Die große Treppe im weiträumigen Braunfels-Bau in München ist ein gestuftes Foyer und normalerweise Aufstieg oder Pausenplatz für Museumsbesucher. Der Berliner Künstler Olaf Nicolai machte sie an zwölf Sonntagen zur Bühne, mehr noch zum Schnittpunkt zwischen Architektur, Performance und Musik. Die Feuilletonredaktionen waren irritiert, ob da der Musikkritiker oder...

Vier mal vier – die Quadratur der Szene

Freies Theater» war mir lange eine eher Beklemmung auslö­sende Kategorie aus der Vergangenheit. Ich denke vor allem zurück an viel Unfreiwilligkeit. An Instandbesetzung und Beharrungsvermögen, an sehr lokale Phänomene unterhalb des Tellerrands, an basis–demokratische Gruppen mit der charmant-militanten Ausstrahlungskraft von Stadtteil- und Soziokulturprojekten. War...

Vom langen Lied des Horrors

Vom Ehrenbreitstein, also von hoch oben aus gesehen, scheint unten am Rheinufer im Großenganzen alles in Ordnung: Der Intendant macht gängiges Programm, sein teuer renoviertes Theater, eine historische Kostbarkeit, ist beliebt in der Stadt. Und zum Start in die neue Saison gibt’s ganz gutbürgerlich und massenkompatibel das große Format, klassisch. Auch die dritte...