Oh, le Bordell

Genet «Der Balkon», Shakespeare «Maß für Maß» am Kammertheater Stuttgart

Theater heute - Logo

Lässt die französische Hausfrau ihrem Unmut freien Lauf, wissen die Kinder, dass sie sofort ihr Zimmer aufräumen müssen. Immerhin hat die Mama mit ihrem «Oh, le bordell» einen Zustand der größtmöglichen Unordnung markiert, den sie nicht mehr länger zu dulden gewillt ist.

In etwa so ist es auch in Shakespeares «Maß für Maß» und Jean Genets «Der Balkon», die jetzt in kurzem Abstand am Stuttgarter Staatsschauspiel Premiere hatten. In beiden Fällen geht es um ein Gemeinwesen im Zustand der Auflösung. Die Ordnung im Staat ist bedroht, der Souverän will hart durchgreifen.

Shakespeare verlegt seine philosophische Komödie über die moralische Grundlage des gerechten Regierens nach Wien und macht aus der Donaumetropole ein großes Freudenhaus, während Genet seine Groteske der Maskierungen gleich in einem Bordell spielen und vor den Türen des Etablissements einen Aufstand toben lässt. Thomas Dannemann verzichtet auf diese ephemere Begleitmusik als Anspielung auf den arabischen Frühling, die das Stück zur Zeit so beliebt macht, und konzentriert sich ganz auf die Rollenspiele und Mechanismen der Machtausübung in Madame Irmas Haus der Illusionen.

Zusammen mit der Bühnenbildnerin Cary Gayler hat ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Jürgen Berger

Weitere Beiträge
Auf innerer Forschungsreise

Julia Wieninger steht in einer Küche mit Umzugskartons und spielt Julia Wieninger, die gerade nach Köln gezogen ist. Sie erzählt, wie sie Hanna auf der Straße vor dem Theater angesprochen hat, nach wochenlanger Suche in Büdchen, Museen und U-Bahnen. Und dann klingelt es an der Tür, Julia Wieninger verlässt die Bühne – und kommt als Hanna wieder herein. Das Haar zum...

Mehr Kampf, mehr Frust, mehr Intensität

Letzte Nacht habe ich nicht geschlafen, weil am Ende meiner Straße so viele Hunde heulten. Am nächsten Morgen heißt es im Radio, dass es 18.000 von ihnen gibt. 18.000 streunende Hunde in einer Stadt. Als ich aus dem Fenster blicke, wühlt jemand in der Mülltonne. Die Tonnen stehen immer offen, auch wenn sie einen Deckel haben. Es ist ein Roma, der wahrscheinlich...

Unermesslicher Abstand, trügerische Nähe

Ferner ist keiner. 200 Jahre ist Kleist nun tot, ein Doppelselbstmord am Wannsee von einem, «dem auf Erden nicht zu helfen war». Radikaler, unversöhnter mit dem Relativierenden des alltäglichen Lebensvollzugs in der «gebrechlichen Einrichtung der Welt» als Kleist war keiner unserer Klassiker. Im Zeitalter von Ironie, achselzuckendem Laissez-faire und ideologischer...