Oh, le Bordell
Lässt die französische Hausfrau ihrem Unmut freien Lauf, wissen die Kinder, dass sie sofort ihr Zimmer aufräumen müssen. Immerhin hat die Mama mit ihrem «Oh, le bordell» einen Zustand der größtmöglichen Unordnung markiert, den sie nicht mehr länger zu dulden gewillt ist.
In etwa so ist es auch in Shakespeares «Maß für Maß» und Jean Genets «Der Balkon», die jetzt in kurzem Abstand am Stuttgarter Staatsschauspiel Premiere hatten. In beiden Fällen geht es um ein Gemeinwesen im Zustand der Auflösung. Die Ordnung im Staat ist bedroht, der Souverän will hart durchgreifen.
Shakespeare verlegt seine philosophische Komödie über die moralische Grundlage des gerechten Regierens nach Wien und macht aus der Donaumetropole ein großes Freudenhaus, während Genet seine Groteske der Maskierungen gleich in einem Bordell spielen und vor den Türen des Etablissements einen Aufstand toben lässt. Thomas Dannemann verzichtet auf diese ephemere Begleitmusik als Anspielung auf den arabischen Frühling, die das Stück zur Zeit so beliebt macht, und konzentriert sich ganz auf die Rollenspiele und Mechanismen der Machtausübung in Madame Irmas Haus der Illusionen.
Zusammen mit der Bühnenbildnerin Cary Gayler hat ...
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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Jürgen Berger
Eine schmucke kleine Hochzeitsgesellschaft, vielleicht irgendwo auf dem Balkan, wo das legendäre Illyrien liegen soll, vielleicht auch bloß beim Griechen in Bochum-Stiepel. Die Braut trägt Weiß, der Vater des Bräutigams packt langen Unsinn in eine kurze Rede, der Kellner ist nervös, der Bräutigam gibt sich Mühe, nett zu sein. Bis dahin ist alles korrekt (abgesehen...
Mit 81 Jahren ist Wilfried Minks wieder da angekommen, wo er anfing. Er verbringt seine Zeit vor allem mit Zeichnen und Malen, so wie er es schon mit vierzehn und fünfzehn Jahren tat, nach der Vertreibung aus dem böhmischen Dorf Binai, fünfzig Kilometer nördlich von Prag (und fünfzig Kilometer südlich von Theresienstadt – von dem, was dort vor sich ging, wusste er...
Jean Genets Reaktion auf die Uraufführung 1957 am Londoner Arts Theatre legt nahe, dass Peter Zadek damals ziemlich prall und heftig inszeniert haben muss. Der Regisseur, so Genet, habe weder den Geist noch den Text des Stückes geachtet, und überdies erwecke die Inszenierung den Eindruck, er, also Genet, «sei ein Skandalmacher und Pornograf». Donnerwetter, kann...
