Labor der Vielfalt

... statt Kerngeschäft, Leitkultur, Integration: Björn Bickers ideales Theater ist ein Austragungsort gesellschaftlicher Realität

Theater heute - Logo

Der Zustand der Theater ist Ausdruck der Gesellschaft, von der sie unterhalten werden. Ästhetisch. Strukturell. Organisatorisch. Wie sollte es auch anders ein. Das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach so, wie es ist. Das Personal, die ästhetischen wie politischen Programme bilden ab, wie es um die Macht- und Verteilungsverhältnisse in Deutschland, in Europa, in der Welt bestellt ist. Ich kann das Theater nicht ohne seine Einbettung in meine gesellschaftliche Realität denken.

Das ist eigentlich eine Binsenweisheit, aber ich habe das Gefühl, man kann sie gar nicht oft genug aussprechen.

Das heißt, wenn ich über das ideale Theater nachdenke, dann denke ich über dieses komplizierte Wechselverhältnis von Theater und Gesellschaft nach. Das Geld, die Bereitstellung der Mittel, die Realität der Ökonomie ist zugleich Ausdruck und Motor gesellschaftlicher Macht- und Mentalitätsverhältnisse. Herrliche Dialektik. Das heißt: Die Frage, wie das ideale Theater aussehen soll, ist die Frage nach meiner gesellschaftlichen Utopie. Wow. Diese Frage hängt da wie ein Banner aus einer vergangenen Zeit weit oben an einem verrosteten Fahnenmast. Manchmal bläst der Wind rein, aber die Fahne weht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 36
von Björn Bicker

Weitere Beiträge
Die Veränderungs­aneigungsmaschine

In meiner Vorstellung ist dieses Theater eine architektonische, räumliche Erweiterung meines Körpers. Ein Wahrnehmungsapparat. Was sich eröffnet, ist ein Ort, in dem alles fröhlich uneindeutig ist, so klar es auf den ersten Blick auch erscheinen mag. Die Architektur, die Schichtung des Baumaterials, die Wände. Oder die Türen, mit flackernden Notausgangsschildern,...

Spiel mit dem Feuer

Die einzige Kirche, die erleuchtet ist, ist eine, die brennt.»
Dieses Stück ist eine Zumutung. Es beginnt mit einer elend langen Hasstirade, dem Monolog einer alternden Frau, bestehend aus ankla­gen­den Hauptsätzen voller Ob­szönitäten. Es steigert sich zu einer Aufzählung von Psychopharmaka, die in alphabetischer Reihenfolge ausgespuckt werden. Ein präpubertärer...

Reale Utopien

In letzter Zeit wird wieder verstärkt übers Theater gestritten, vor allem über seine Zukunft. Wie soll sie aussehen? Die Stadttheater bewahren? Eine zweite Säule aus Projektförderung daneben stellen? Mehr Produktionshäuser gründen? Und wie geht es überhaupt mit dem Ensemble- und Repertoirebetrieb weiter? Übernimmt der Apparat die Kunst? Das sind alles berechtigte...