Krieg aus dem Modellbaukasten

Das Figurentheater steckt in der Krise – Eindrücke vom 14. Internationalen Figurentheater-Festival in Nürnberg, Fürth und Erlangen

Theater heute - Logo

Den ganzen Tag über schon hatten sich die Menschen an den Händen gefasst, hatten Lichterketten gebildet und waren bedrückt, gleichwohl befreit vor Gräbern und an Mahnmalen gestanden. Präsidenten beschworen den Frieden, Veteranen gedachten der letzten verhallten Schüsse, das Volk schwenkte Fähnchen: Nie wieder! Der Krieg war 60 Jahre vorbei an diesem Muttertag im Mai, im Fernsehen sang Heintje von Wärme im Herzen.

Am späten Abend aber rottete sich nochmals eine kleine Gruppe sehr seltsamer Gestalten zusammen: In einem verdreckten Bunker zappelten böse Geister der Vergangenheit durchs trübe Licht und zelebrierten ihre letzten Stunden – eine makabere Auferstehung aus den Gräbern der Geschichte. Ein brabbelnder Hitler, eine keifende Eva Braun, ein feister Göring, schon vergiftete Goebbels-Kinder: sie alle «zuhause» beim Führer unter der Betondecke in Berlin, wartend auf ihren Untergang. Wie zum Hohn huschten die Untoten just an diesem Gedenktag durch die bröckelnde Szene und riefen sich grell in Erinnerung.

Aber es waren ja gottlob bloß Puppen! Kostümierte und selbstgebastelte Wahnvorstellungen. Es war nur ein böse erdachtes Spiel mit willen- und leblosen Geschöpfen, mit den Ängsten und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2005
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Körperterrorist

Es ist ein mieser Tag, kalt und regnerisch und auch schon nach 22 Uhr. Trotzdem bricht die Sonne durch, wenn Philipp Hochmair auf einen zustürmt: gut gelaunt, strahlend und hellauf begeistert von dem köstlichen Essen, das er soeben im Münchner «Volksgarten» genossen hat und das er nun auf unserem Weg in die ruhigere «Kostbar» in allen Einzelheiten beschreibt. Ein...

Die ganze Dynamik

 

In den vergangenen Wochen ist in den Medien viel ums Für und Wider des deutschen Regietheaters gestritten worden. Man nennt so etwas gemeinhin Debatte. Neben der Regietheater-Debatte erleben wir auch noch die Kapitalismuskritik-Debatte. Das Regietheater kommt meist nicht gut weg in der Debatte. Es hatte zuletzt jedenfalls wieder eine schlechtere Presse als der...

Ein Platz vor der Tankstelle

Boy, Cop, Mother, Dealer, Bitch und Boyfriend – das Personal in Paravidinos «Stillleben in einem Graben» entspricht den Grundbausteinen eines Krimisetzkastens. Und tatsächlich geht es in dem von Paravidino 2001 verfassten Stück ganz klassisch um eine schöne Frauenleiche. Ein Motiv, das seit jeher die grundlegende Störung der symbolischen Ordnung in der...