Krieg aus dem Modellbaukasten
Den ganzen Tag über schon hatten sich die Menschen an den Händen gefasst, hatten Lichterketten gebildet und waren bedrückt, gleichwohl befreit vor Gräbern und an Mahnmalen gestanden. Präsidenten beschworen den Frieden, Veteranen gedachten der letzten verhallten Schüsse, das Volk schwenkte Fähnchen: Nie wieder! Der Krieg war 60 Jahre vorbei an diesem Muttertag im Mai, im Fernsehen sang Heintje von Wärme im Herzen.
Am späten Abend aber rottete sich nochmals eine kleine Gruppe sehr seltsamer Gestalten zusammen: In einem verdreckten Bunker zappelten böse Geister der Vergangenheit durchs trübe Licht und zelebrierten ihre letzten Stunden – eine makabere Auferstehung aus den Gräbern der Geschichte. Ein brabbelnder Hitler, eine keifende Eva Braun, ein feister Göring, schon vergiftete Goebbels-Kinder: sie alle «zuhause» beim Führer unter der Betondecke in Berlin, wartend auf ihren Untergang. Wie zum Hohn huschten die Untoten just an diesem Gedenktag durch die bröckelnde Szene und riefen sich grell in Erinnerung.
Aber es waren ja gottlob bloß Puppen! Kostümierte und selbstgebastelte Wahnvorstellungen. Es war nur ein böse erdachtes Spiel mit willen- und leblosen Geschöpfen, mit den Ängsten und ...
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