Kolumne: Krawall und Remmidemmi

Performance – das neue Paradigma der 1990er wird von Madonna und Deichkind entdeckt

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Auf der Theater-Shitlist abgenutzter Begriffe steht der Begriff «Performance» weit oben: Wann immer die Form einer Aufführung nicht eindeutig als kostümiertes Rollenspiel durchgeht, muss es Performance sein. Oder wenn Anschluss an die Gegenwart bzw. jüngere Generation gesucht wird. So bewarb das klassikaffine Hamburger Thalia Theater ein Stück zur #MeToo-Debatte mit «Das Thalia Treffpunkt Studierenden-Performance-Ensemble zeigt eine szenisch-performative Montage aus Tanz, Text und Musiknarrativen».

Also irgend etwas ganz Freshes von jungen Leuten, die dem Theater ja normalerweise skeptisch gegenüberstehen.

Die ebenso theaterskeptische Freie Szene reklamiert seit den 1990er Jahren Performance als eigene Kunstform und Arbeitsweise für sich. Mit ausgestrecktem Mittelfinger erobert sie die Bühnen im Kampf gegen Theaterhierarchien, indem sie sich selbst und ihre eigenen Texte inszeniert, oft auch im Kollektiv. Das selig eingeschlafene Theaterpublikum muss entweder mitspielen oder auf den sicheren Sitzplatzabstand verzichten. Dieses Mitmachtheater ist zwar für manche eine Drohung, für andere allerdings der Grund, überhaupt ins Theater zu gehen. Was auch für das Ablehnen von ...

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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Magazin, Seite 71
von András Siebold

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