Kolumne: Krawall und Remmidemmi
Auf der Theater-Shitlist abgenutzter Begriffe steht der Begriff «Performance» weit oben: Wann immer die Form einer Aufführung nicht eindeutig als kostümiertes Rollenspiel durchgeht, muss es Performance sein. Oder wenn Anschluss an die Gegenwart bzw. jüngere Generation gesucht wird. So bewarb das klassikaffine Hamburger Thalia Theater ein Stück zur #MeToo-Debatte mit «Das Thalia Treffpunkt Studierenden-Performance-Ensemble zeigt eine szenisch-performative Montage aus Tanz, Text und Musiknarrativen».
Also irgend etwas ganz Freshes von jungen Leuten, die dem Theater ja normalerweise skeptisch gegenüberstehen.
Die ebenso theaterskeptische Freie Szene reklamiert seit den 1990er Jahren Performance als eigene Kunstform und Arbeitsweise für sich. Mit ausgestrecktem Mittelfinger erobert sie die Bühnen im Kampf gegen Theaterhierarchien, indem sie sich selbst und ihre eigenen Texte inszeniert, oft auch im Kollektiv. Das selig eingeschlafene Theaterpublikum muss entweder mitspielen oder auf den sicheren Sitzplatzabstand verzichten. Dieses Mitmachtheater ist zwar für manche eine Drohung, für andere allerdings der Grund, überhaupt ins Theater zu gehen. Was auch für das Ablehnen von ...
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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Magazin, Seite 71
von András Siebold
Alles schön bunt hier, weich und rund: große Kuscheltiere, Fruchtgummis oder Frustpolster. Man kann auch weibliche Körperteile oder Utensilien assoziieren bei den Gegenständen, die auf der Bühne herumliegen. Eine Frau in Teilstücken als variable Bühnenlandschaft. Ein «weiblicher Kosmos» soll es sein, in den wir uns da gedanklich hineinbegeben. Nur im Hintergrund...
Ein Mann steht splitternackt auf der dunklen Bühne. Nackt und unschuldig, so, wie wir alle auf die Welt kommen. Merlin Sandmeyer spielt in Hamburg dieses unbeschriebene Blatt, das der Versicherungsprokurist Josef K. gewesen sein mag, bevor er eines morgens in Anwesenheit zweier fremder Männer erwacht, die ihm mitteilen, dass er verhaftet sei. Sandmeyer zieht ein...
Sophie Blomen, Vera Moré und Max Reiniger ist der studentische Hildesheimer Uni-Hintergrund durchaus noch anzumerken. Eine 60-Minuten-Performance aus einem Popsong, dem eigenen Fan-Sein abzuleiten, erinnert an eigene Unizeiten, in denen sich theoretische Überschüsse besonders hübsch an popkulturellen Phänomenen brechen ließen. Was damals die selfempowerte...
