Kleiner Tell, was nun?
Heldendämmerung auf der Bühne: Im Stammesland von Wilhelm Tell haben dazu wenige Hinterhältigeres zu sagen, Klügeres sowieso nicht als die Gruppe Mass & Fieber. Der Verein um Niklaus und Brigitte Helbling hat sich dem therapeutischen Theater nach Brecht verschrieben, und wenn die beiden nun eine Lektion Heldentod übersetzen, dann unter der Ankündigung «Mythentausch».
Mass & Fieber spielen Quartett sozusagen, sie tauschen im Namen von Tell und allen Guerilleros dieser Erde Freiheitsmythen aus, und zwar mit ihren Brüdern im Geist, Don Quixote aus Teheran.
Die junge Truppe unter Ali Ashgar Dashti stürzt sich auf den legendärsten Eidgenossen überhaupt, Tell, dessen Schuss aus dem Hinterhalt die Schweiz bekanntlich zu einig’ Brüdern verschweißt hat – dank eines deutschen Dichters notabene. Und die Helblinge wiederum penetrieren auf ihre frivole Weise Tells iranisches Pendant, den Schulbuch-Mythos um den Tyrannenkönig Zahhak und den Partisanen Kaveh aus dem «Buch der Könige», der die jahrhundertelange Unterdrückung der Perser durch die Araber beglaubigen soll.
Die wechselseitige Heldendemontage zählt zu den fruchtbarsten interkulturellen Begegnungen, die auf Schweizer Bühnen in den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Chronik: Altdorf Tellspiele, Seite 50
von Daniele Muscionico
Das erste Lothar-Gesicht, an das ich mich heute noch genau erinnere, gehört der gut zwanzigjährigen Suse. Sie spielt in Tankred Dorsts «Eisenhans» (1983) die behinderte Marga, die von ihrem Vater geliebt und missbraucht wird. Ein fatales Familiendrama aus dem Frankenwald, mit allen inzwischen aus Soaps und Reality-TV geläufigen, damals jedoch noch verstörenden...
Die Musiktheoretiker Heinz Klaus Metzger und Rainer Riehn, damals Chefdramaturgen an der Frankfurter Oper, beauftragten John Cage in den 1980er Jahren mit einer «irreversiblen Negation» der Oper; einer Oper, mit anderen Worten, die jede weitere Oper fürderhin unmöglich machen solle. Da weder Cage noch Riehn und Metzger über die Exekutive verfügten, um die...
Maria Becker, links als Elisabeth in «Maria Stuart» 1986, war eine «Königin im Formenreich», so der Kritiker Gerhard Stadelmaier: «Die Formen, die sie unnachahmlich herstellte, wurden ihr eigentlich mehr zu Partnern als die jeweiligen Kollegen, mit denen sie auftrat.
Es ging ihr, der herb Schönen, der mokant Unnahbaren, szenisch nichts wirklich nahe.» Man hat sie...
