Antikenexpress und Abstellgleis
Man muss sich Ödipus als einen geduldigen Mann vorstellen. In seinem langen Leben musste er schon manche Überraschung verkraften, und auch danach war ihm wenig Ruhe vergönnt. Sigmund Freud hat auf seinen mythologischen Schultern eine Schule errichtet, mit der er die Pathologien der Moderne erklären wollte, und für die Hinterfragungslust der Ideologiekritik gilt der Thebanerkönig mit den vielen Leichen im Keller als Grundstein und Hausheiliger. Nach den Großtheorien des letzten Jahrhunderts ist es allerdings erstaunlich still geworden um den alten Mythos.
Was hat er heute noch zu bedeuten? Nun hat John von Düffel aus vier antiken Tragödien, durch die Ödipus mehr oder weniger prominent geistert, einen mächtigen Familien-Mehrteiler gebaut, der von «König Ödipus» zu «Sieben gegen Theben» über «Die Phönizierinnen» bis zur «Antigone» reicht. Was den «Buddenbrooks» ihr Lübeck, ist hier Theben.
Wo es um die großen Zusammenhänge geht, müssen die kleineren zurücktreten. In diesem Fall so ziemlich alles, was nicht zur Kernhandlung gehört: Zweifel, Umwege, Kommentare, also das ganze hinderliche Nachgedenke. Chorpassagen fliegen grundsätzlich raus, weil zu viel Reflexion nicht wirklich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Franz Wille
TH Andres Veiel, Sie haben Susanne Lothar in Ihrem ersten Spielfilm «Wer wenn nicht wir» als Ilse Ensslin, die Mutter von Gudrun Ensslin, besetzt. War das Ihre erste Begegnung? Wie und warum kam es zu dieser Besetzung?
Andres Veiel Vorgeschlagen hatte sie meine Casterin Simone Bär. Suse Lothar selbst war erst mal zögerlich. Sie sagte, sie schätzt meine Arbeit – sie...
Wenn die Saison beginnt, darf Dr. Heinrich Faust nicht fehlen. Zum Beispiel in Frankfurt, wo Intendant Oliver Reese gerade ein Sparpaket akzeptiert und seinen Vertrag um fünf Jahre verlängert hat. Sein Jahresgehalt steigt dabei von 200.000 auf wundersame 240.000 Euro. Mehr über die Erfindung der Geldwirtschaft im ersten Akt von «Faust II»
Alvis Hermanis macht kein...
Die Musiktheoretiker Heinz Klaus Metzger und Rainer Riehn, damals Chefdramaturgen an der Frankfurter Oper, beauftragten John Cage in den 1980er Jahren mit einer «irreversiblen Negation» der Oper; einer Oper, mit anderen Worten, die jede weitere Oper fürderhin unmöglich machen solle. Da weder Cage noch Riehn und Metzger über die Exekutive verfügten, um die...
