Antikenexpress und Abstellgleis

In Berlin eröffnet Stephan Kimmig im Deutschen Theater mit einem griechischen Tragödien-Mehrteiler, in Hamburg schickt Jan Bosse Tschechows «Platonow» in den Wanderzirkus

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Man muss sich Ödipus als einen geduldigen Mann vorstellen. In seinem langen Leben musste er schon manche Überraschung verkraften, und auch danach war ihm wenig Ruhe vergönnt. Sigmund Freud hat auf seinen mythologischen Schultern eine Schule errichtet, mit der er die Pathologien der Moderne erklären wollte, und für die Hinterfragungslust der Ideologiekritik gilt der Thebanerkönig mit den vielen Leichen im Keller als Grundstein und Hausheiliger. Nach den Großtheorien des letzten Jahrhunderts ist es allerdings erstaunlich still geworden um den alten Mythos.

Was hat er heu­te noch zu bedeuten? Nun hat John von Düf­fel aus vier antiken Tragödien, durch die Ödipus mehr oder weniger prominent geistert, einen mächtigen Familien-Mehrteiler gebaut, der von «König Ödipus» zu «Sieben gegen Theben» über «Die Phönizierinnen» bis zur «Antigone» reicht. Was den «Buddenbrooks» ihr Lübeck, ist hier Theben.

Wo es um die großen Zusammenhänge geht, müssen die kleineren zurücktreten. In diesem Fall so ziemlich alles, was nicht zur Kernhandlung gehört: Zweifel, Umwege, Kommentare, also das ganze hinderliche Nachgedenke. Chorpassagen fliegen grundsätzlich raus, weil zu viel Reflexion nicht wirklich ...

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Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Franz Wille

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